Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

etwas Unerkanntes enthält, das von Boisguillebort nicht näher 
hestimmt wird. Die Frage nach dem gerechten Grössenver- 
hältniss der Aiistauschungen wird uns in der Geschichte der 
Nationalökonomie noch mehrfach begegnen und besonders in 
den neusten Wendungen derselben eine immer ernstere Gestalt 
annohmen. Hier an der Grenzscheide des 1/. und 18. Jahr 
hunderts giebt sich der entsprechende Gedanke, nämlich die 
Idee einer wirthschaftlichen Gerechtigkeit und Billigkeit in den 
gegenseitigen Preisansprüchen und Preiszugeständnissen, als eine 
leicht erfüllbare Yoraussetzung, die man stillschweigend machen 
könne, sobald die Menschen nur ein Einsehen haben und eine 
bessere Gesinnung bekunden wollten. Boisguillebert spricht es 
deutlich genug aus, dass die Corruption der edleren Gefühle in 
seinen Augen die Ursache des Unheils sei. Drückt man seine 
Idee etwas schärfer aus, als er sie selbst gefasst hat, so meint er 
im letzten Grunde, dass die sehönste Harmonie herrschen würde, 
wenn die Menschen nur freundschaftlich, voll Vortrauen und 
guter Absichten mit einander verkehrten, dagegen die Neigun 
gen zu schaden, sowie sich durch Verletzung des Andern zu 
bereichern, und hiemit das Misstrauen und die Eifersucht ab- 
Icgten. Im Reiche dieser Abstraction oder Erdichtung ist nun 
freilich jedes störende und vernichtende Element als ausge 
schlossen angenommen, und hier hat die von selbst vorhandene 
Interessenharmonio ihre richtige Stelle. Der Musterfehler Bois- 
guilleberts, der von so manchem gutartigen, aber die zweite 
Seite der Dingo vergessenden Gemüth immer wieder von Neuem 
wiederholt wird, besteht darin, anzunehmen, dass es für die 
Menschen nur eines moralischen Entschlusses bedürfe, um sich 
im Verkehr auf jenem Fuss der freundschaftlichen Förderung 
und der wohlwollenden Gegenseitigkeit zu bewegen. In dieser 
Richtung liegt aber die Schwierigkeit, an welcher die Cultur- 
geschichto und die Gestaltung der volkswirthschaftlichen Be 
ziehungen arbeiten. Schon die Bürgschaften des ganz gewöhn 
lichen Rechtsschutzes, der mit den Preisen unmittelbar noch 
gar nichts zu schaffen hat, werden nur sehr unvollkommen und 
langsam ausgebildet. Um wie viel schwieriger muss nun nicht 
die Aufgabe sein, die Ideen der Gercebtigkoit, d. h. der gegen 
seitigen Nichtverletzung oder gar die der positiven Förderung 
in das Wirthschaftslebon hineinzuarbeiten! Der Zweifel an der 
Möglichkeit, überhaupt von gerechten Preisen, Löhnen ii. dgl.
	        
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