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Göttern notwendig, ein Gott genügt. Und da „Gut und
Böse“ geistige Begkiffe sind, wird dieser Gott dann leicht
als Gesst vorgestellt.
In der Warengesellschaft herrscht die geistige Arbeit
siber die Handarbeit. Die Regelung, die Verwaltung des
Betriebs und des Staates ist Sache des Kopfarbeiters; der
Handwerker ist, wenn nicht der Sklave, so doch der Unter—
Feordnete. Auch das führte dazu, im Geist das Göttliche
zu sehen, Gott als einen Geist zu betrachten.
Es kam hinzu, daß in der warenproduzierenden Ge—
sellschaft jeder Mensch ein Individuum für sich wird, das
n Konkurrenzkampf mit anderen steht. Jeder Mensch wird
dort zum allerwichtigsten Objekt für sich selbst und — weil
er in seinem Geist alles empfindet, überlegt, entscheidet —
wird sein Geist zum allerwichtigsten Teil dieses Objektes.
Das mußte die Menschen dieser Gesellschaft auch sehr ge⸗
eignet machen, den Geist als göttlich und Gott als einen
ndividualistischen, für sich selbst bestehenden Geist zu be—
trachten.
Auch die Unsicherheit des Loses des Menschen in der
Warengesellschaft trug dazu bei. Selbst beherrschte man
sein Leben nicht, doch berlangte und wollte man es. Darum
erdachte man sich einen Gott, der es täte.
Die Technik hatte den Menschen schon so weit gebracht,
daß er nicht mehr einen Stier vergöttlichte, oder eine Kattze,
einen Ibis, einen Baum oder die menschliche Körperkraft,
aber noch nicht so weit, daß er das Wesen des Denkens und
die Begriffe gut“ und „chlecht“ erstehen konnte. Des⸗
halb wurde damals dieses Geistig⸗Sittliche, das in jener
Gesellschaft übermächtig, aber unbegreiflich war, für gött—
lüch erklärt. Und so ist es in der Warengesellschaft bis zum
heutigen Tage geblieben. Gott ist ein Geist“, sagt man
aͤuch jetzt noch, und die sittlichen Begriffe haben auch jetzt
noch sür die meisten einen übernatürlichen Ursprung.
Und, wie immer, war dieses Götterbild der herrschen—
den, der denkenden Klasse eine Waffe in den Händen der
Herrscher gegen die arbeitenden Klassen.
Solange die damals bekanute Welt noch nicht ein
zkonomischeßs und politisches Ganzes, das heißt eine
große Warengesellschaft war, blieb in ihr natürlich noch
Raum sur mehrere Götter, auch noch für Naturgötter. Als
aber erst der Welthandel der Griechen, dann Mexander von
Mazedomen und schließlich die Roömer um das Mittellän⸗
dische Meer ein warenproduzierendes Weltreich schufen,