Godwinp.
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Wissenschaften können wir nicht anders, weil diese die wol-
lende und handelnde Menschheit, in der wir selbst mitten
drinnen stehen, behandeln. Der Godwin’sche Standpunkt der
Jeidenschafts- und willenlosen Beobachtung und des Ausspre-
chens der abstrakten Wahrheit ist eine Vermessenheit und zu-
leich ein Stückwerk. Aber wenn und weiler sich einmal auf
diesen Standpunkt stellte, war es ganz consequent, dass er
die Willensfreiheit leugnete. Ueberdies brauchte er diese
Theorie zur Rechtfertigung seiner Lehre von der allein noth-
wendigen Wirkung der Belehrung in der Wahrheit.
Ganz richtig entwickelt er, dass wir Nothwendigkeit der
Wirkungen erkennen können resp. müssen, ohne die Ursachen
und die Art ihres Wirkens zu kennen (S. 285), dass wir auch
beim menschlichen Geist eine nothwendige Verknüpfung der
Ereignisse, ohne ihre Ursache zu kennen, annehmen können.
Die Annahme der Freiheit beruht nur auf der Unkenntniss
eines Theils der Einflüsse; Freiheit und Zufall sind identisch,
beide gleich Unkenntniss der zwingenden Ursachen — ganz
richtig, wenn man eben nur fragt, was der Mensch weiss-
Der menschliche Geist wird nicht ausdrücklich als Bewegung
von Materie bezeichnet, nur überhaupt in Bezug auf unsere
Frage mit den Objekten der Naturwissenschaft auf eine Stufe
gestellt. Dies muss hervorgehoben werden, weil man, wie Ja
auch der Calvinismus zeigt, die Freiheit leugnen kann, ohne
die Eigenthümlichkeit des Geistes zu leugnen. Das Eigen-
thümliche des menschlichen Geistes ist nach Godwin, dass er
in Folge verschiedener Anregungen durch Motive, d.h. be-
rechnende Gedanken bewegt wird, die in unser Bewusstsein
übergehen — und daraus folgt, dass der Mensch tugendhaft
und glücklich wird durch Ausbildung seiner Fähigkeit, ver-
nünftig zu denken. So wirkt also ‘die Leugnung des freien
Willens nicht unmoralisch, sondern die Lehre macht vielmehr
leidenschaftslos und ruhig und giebt eben die stärkste Veran-
lassung, die Wahrheit und! Gerechtigkeit zu lehren und zu
verbreiten,
In dieser Nutzanwendung liegt nun freilich eine Inconse-
quenz, weil die reine Theorie der Nothwendigkeit im Grunde