Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

Godwinp. 
95 
Wissenschaften können wir nicht anders, weil diese die wol- 
lende und handelnde Menschheit, in der wir selbst mitten 
drinnen stehen, behandeln. Der Godwin’sche Standpunkt der 
Jeidenschafts- und willenlosen Beobachtung und des Ausspre- 
chens der abstrakten Wahrheit ist eine Vermessenheit und zu- 
leich ein Stückwerk. Aber wenn und weiler sich einmal auf 
diesen Standpunkt stellte, war es ganz consequent, dass er 
die Willensfreiheit leugnete. Ueberdies brauchte er diese 
Theorie zur Rechtfertigung seiner Lehre von der allein noth- 
wendigen Wirkung der Belehrung in der Wahrheit. 
Ganz richtig entwickelt er, dass wir Nothwendigkeit der 
Wirkungen erkennen können resp. müssen, ohne die Ursachen 
und die Art ihres Wirkens zu kennen (S. 285), dass wir auch 
beim menschlichen Geist eine nothwendige Verknüpfung der 
Ereignisse, ohne ihre Ursache zu kennen, annehmen können. 
Die Annahme der Freiheit beruht nur auf der Unkenntniss 
eines Theils der Einflüsse; Freiheit und Zufall sind identisch, 
beide gleich Unkenntniss der zwingenden Ursachen — ganz 
richtig, wenn man eben nur fragt, was der Mensch weiss- 
Der menschliche Geist wird nicht ausdrücklich als Bewegung 
von Materie bezeichnet, nur überhaupt in Bezug auf unsere 
Frage mit den Objekten der Naturwissenschaft auf eine Stufe 
gestellt. Dies muss hervorgehoben werden, weil man, wie Ja 
auch der Calvinismus zeigt, die Freiheit leugnen kann, ohne 
die Eigenthümlichkeit des Geistes zu leugnen. Das Eigen- 
thümliche des menschlichen Geistes ist nach Godwin, dass er 
in Folge verschiedener Anregungen durch Motive, d.h. be- 
rechnende Gedanken bewegt wird, die in unser Bewusstsein 
übergehen — und daraus folgt, dass der Mensch tugendhaft 
und glücklich wird durch Ausbildung seiner Fähigkeit, ver- 
nünftig zu denken. So wirkt also ‘die Leugnung des freien 
Willens nicht unmoralisch, sondern die Lehre macht vielmehr 
leidenschaftslos und ruhig und giebt eben die stärkste Veran- 
lassung, die Wahrheit und! Gerechtigkeit zu lehren und zu 
verbreiten, 
In dieser Nutzanwendung liegt nun freilich eine Inconse- 
quenz, weil die reine Theorie der Nothwendigkeit im Grunde
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.