42 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [500
oder nicht, gut oder schlecht funktioniert, zu erhalten. Man kann wohl etwa den Land⸗
nann, vielleicht auch den Handwerker als gesellschaftlichen Selbstzweck betrachten, aber
nicht leicht irgend einen Haͤndler. Kommt die Gesellschaft mit einer geringeren Personen⸗
zahl aus, findet sie, daß sie mit 10 oder 25 oder 40 Prozent weniger Handelspersonal
gleich gut versorgt wird, so kann es keine richtige Politik sein, sich dagegen zu stemmen.
Is ist eine notwendige Bewegung in der heutigen Handelsorganisation, die darauf
ausgeht, Spesen zu sparen, Makler, Agenten und andere Zwischenglieder zu überspringen
und auszuschalten. Große und kleine Geschäfte, Reisende und Vermittler aller Art,
diele erst in den letzten Menschenaltern entstandene Zwischenglieder sind so in ihrer
Eristenz bedroht. Niemand verurteilt den Fabrikanten, der da und dort versucht, direkt
n das Detailgeschäft durch seine Reisenden zu kommen, statt durch ein oder zwei
Großhändler, oder den Großhändler, der sich Waren⸗ und Personenkenntnis zutraut,
den Makler zu überspringen, oder große Betriebe, z. B. Webereien, die sich eine
Spinnerei zulegen, um vom Garnhaͤndler und Garnmakler unabhängig zu werden.
Die landwirtschaftliche Genossenschaftsbewegung hat die Ausmerzung und Überflüssig⸗
nachung zahlreicher Handelsgeschaͤfte, Agenten, Ein- und Verkäufer zum Zweck. Zwei
der neueren großen amerikanischen Riesencompagnien haben es durch ihre Vereinigung und
die Neuordnung ihres Verkaufs dahin gebracht, je einige hundert Reisende und kaufmännische
Direktionsmitglieder und Commis zu entlassen. Die ganze Kartellbewegung, soweit sie
Produktion und Vertrieb centralisiert, macht Häudler uͤberflüssig oder drückt sie zu
Zeamten dieser großen Organisation herab. Es ist dieselbe Bewegung, die die über—
üfsigen und unvollkommenen Kleinhandelsbetriebe reduziert. Es fragt sich bei der
zanzen Tendenz, ob im konkreten Einzelfall die ausgeschalteten Glieder des Handels
Atbehrlich sind, ob die Versorgung ohne sie ebenso gut und ebenso billig erfolgt oder
nicht. Soweit es nicht der Fall, werden sie bleiben, werden die Versuche der Aus⸗
schaltung mißlingen.
Wir können das Resultat kurz zusammenfassen. Die Klagen über den wachfenden
Zwischenhandel in ihrer Allgemeinheit sind falsch; eine hochorganisierte Volkswirtschaft
Ind eine Weltwirtschaft bedarf zunehmender kaufmännischer Zwischenglieder. Nur sie
iind im ganzen fähig, für das Publikum die Versorgung, für den Produzenten den
Absatz immer technisch vollkommener, billiger, gleichmäßiger zu gestalten. Aber jedes
berflüffige Glied in der Kette ist vom üÜbel; es sollen nicht zwei und drei mehr
— Vermittler
iind um so größer, je unwissender über Märkte, Bezugsquellen, Absatz und Preise die
sonsumenten einerseits, die Produzenten, Landwirte, Kleinfabrikanten, Handwerker,
Heimarbeiter und sonstigen Arbeiter andererseits sind. Es entstehen so unter Umständen
Wuchergewinne und ausbeutende Monopole: 3z. B. die Herrschaft der amerikanischen
Aktienlagerhausgesellschaften in Bezug auf Getreidehandel und Getreidepreise zeigt dies.
Dagegen hilft nur die steigende kaufmännische Bildung aller Kreise, die Offentlichkeit
ind die genossenschaftliche Organisation der Konsumenten und der Produzenten.
2. Die wirtschaftliche Konkurrenz.
Litteratur über Konkurrenz: L. Blanc, Organisation du travail. 1889, deutsch von R.Prager.
1899. — Engels, Lage der arbeitenden Klassen in England. 1845. — Po uri er, Le gouveau monde
pdustriei. Deuvres d. 183485 pProudhon, Contradictions économiques. 2 Bde., deutsch von
K. Grün: Philosophie der Staatsükonomie oder Notwendigkeit des Elends. 1847. — B‚astiat, Volks-
wirtschaftliche naen 1850. Roscher, Grundlagen der Nationalökonomie 8 91. 1854. (22. Aufl.
897) - Tuo Morals of trade, Westminéter Review, 1859. — Schmoller, Über einige Grundfragen
des Rechts und der Volkswirtschaft. 1875 S. 80 ff., 9 Grundfr. 1808. — Emminghaus, Konkurrenz
im Handwerk. Handwörterbuch der Volkswirtschaftslehre von Rentzich. — G. Cohn, Nationalökonomie
des Handels 8 Io. 1808. - Gide, Concurrence du coopération. Musée soc. IV. 8. Mars 1809. -
Dvpenheimer, Käufer und Verküufer. J. f. G. VB. 1900. — Jenks, The trust problem. 1900.
über Nahrungsmittelfälschung und unlauteren Wettbewerb giebt es seit 1875 eine sehr große
Litteratur. Ich führe nur an: Tobner, Die Gesetzgebung des alten und neuen deutschen Reichs
vider Verfälschung der Rahrungsmittel. 1878. — Uffellmann, g—. W. Bd. 6. 1. Aufl. Waren—
älichung. — Stseda. Unlauterer Wettbewerb. FJ. f. N. 3. F. 11. Bd. 1896.