mittel behandeln dürfe. Ich weife auf die berühmt gewordenen
Auseinanderfetzungcn zwifchen Lcgien und Bebel auf
dem fozialdemokratifchen Parteitage 1893 zu Köln hin, weife
hin auf die vorübergehende Spaltung im Buch
druckerverband, nachdem diefer den Tarif vom
Jahre 1895 abgefchloffen hatte. Eigentlich hat fich die Tarif
politik in Deutfchiand erft um die Wende des Jahrhunderts
auf der ganzen Linie durchgefetzt. Das erfte namhafte Bei
spiel eines Reichstarifs hat die Tarifgemeinfchaft im Buch
druckergewerbe gegeben; ihr find nach 1900 die handwerks
mäßigen Berufe, vor allem des Baugewerbes, gefolgt, alle
nach harten prinzipiellen Kämpfen um die Anerkennung der
Gewerkfehaften. Insbefondere find die Jahre 1904 bis 1908
reich an folchen prinzipiellen Kämpfen gewefen. Erft nachdem
beide Teile ihre Kraft gemeffen hatten, fetzte man fich an
einen Tifch und fuchte den einzig gangbaren Weg der prak-
tifchen Verftändigung. Es ift bezeichnend, daß die erfte fo
zuftande gekommene Lohnverhandlung im Baugewerbe des
Ruhrreviers begann mit dem Befchluß; „Über die Frage,
wer den Streit angefangen hat, darf nicht verhandelt werden.“
Es lag in der Natur der Dinge, daß die anfänglich lokal
begrenzten Lchntarife zur Erweiterung ihres Geltungsbereichs
zwangen, und daß fich fo in zunehmendem Maße der R e i c h s-
t a r i f durch fetzte. Auf einem Gebiete allerdings kam es
vor dem Kriege leider nicht zu einer gewerkfchaftlichen Lohn
politik. Das deutfehe Großgewerbc hielt an feinem
Standpunkt feft, „Herr im Haufe zu bleiben“.
Da kam der Krieg und in feinem Gefolge das H i I f s-
dienftgefetz und mit ihm die allfcitige Anerkennung
der Gewerkfchaftcn und der gewerkfchaftlichen Tarifpolitik.
Diefc erlangte fogar eine gewiffc Fortbildung durch die ftaat-
lich eingerichteten, anfangs militärifch aufgezogenen
Schlichtungseinrichtungen und durch die Bildung der
10