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Da’ein stabiles Gleichgewicht auch denkbar ist, wenn man
einen konstanten Zuwachsprozentsatz der Bevölkerung bei
einer ständig entsprechenden Steigerung der Produktion unter
Beibehaltung der gleichen Produktionsmethode annimmt, so
Der Hauptgrund, weshalb wir die Statik anders als Streller definieren,
liegt aber in der Absicht, das Hereinziehen des Zeitmomentes in die Unter-
scheidung Statik und Dynamik zu vermeiden, denn wir müssen offen
bekennen, daß wir in dieser Beziehung recht skeptisch sind, da u. E. die
Zeit, die doch eine so allgemeine Erscheinung ist, zum Unterscheidungs-
merkmal gestempelt, leicht zu Mißverständnissen führen kann. Wenn
Streller die Statik als „eine Wirtschaft; die ohne Zeitintervalle
abläuft‘ (Streiler, Statik und Dynamik, S. 120, von Streller unterstrichen)
definiert, und er damit ausdrücken will, daß jeder Nachfrage in der stati-
schen Wirtschaft stets ein entsprechendes Angebot gegenübersteht, wie
das Schumpeter für seine statische Wirtschaft schildert (Schumpeter,
Entwicklung, S. 6/9), so meint. Streller mit Statik dasselbe wie wir.
Wenn er aber weiter ausführt, daß statische Begriffe den Bestandteil „Zeit“
nicht enthalten, daß die Statik durch das Merkmal der Zeitlosigkeit ge-
kennzeichnet ist, nur lineare Größen daher in die Statik gehören (Streller,
Statik und Dynamik, S. 120/22), so wird ein Abstraktionsgrad erreicht,
der u. E. nicht zulässig ist, da „„Wirtschaft‘‘ imnter ein Vorgang, ein Prozeß
und somit diesem Begriff das Zeitmoment immanent ist. Man kann wohl
bei einer ersten Untersuchung des Preisbildungsproblems die zeitlichen
Intervalle zwischen Beginn und Ende der Produktion sehr kurz annehmen.
So geht z.B. auch Cassel vor, indem er bei Aufstellung seines Gleichungs-
systems das Zeitmoment unberücksichtigt läßt und das damit begründet,
daß es ihm für zweckmäßig erscheint, „sich einen allgemeinen Überblick
über den wirtschaftlichen Kausalzusammenhang innerhalb der Produktion
zu verschaffen, ehe man das schwierige Zinsproblem angreift“ (Cassel,
Gustav, Grundriß einer elementaren Preislehre, Zeitschr. f. d. ges. Staatsw.,
55. Jahrg., Tübingen 1899, S, 443, vgl. auch Cassel, Theorie, S. 79). Damit
ist aber nicht etwa von der Zeit überhaupt abstrahiert, es gibt hier immer
noch Boden- und Arbeitsleistungen, also quadratische Größen, Natür-
lich steht es frei, diesem Abstraktionsgrad den Namen Statik zu geben,
Wir halten es aber nicht für zweckmäßig, denn das Problem, um das es
sich hier vor allem dreht, ist, ob sich der Zins neben Lohn und Rente in
einer im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft zeigt, nicht aber, ob der
Zins in einer Wirtschaft mit ganz kurzen Produktionsperioden, in der Wirt-
schaft mit Augenblicksproduktion existiert. Wir halten es daher nicht
für angeoracht, von vornherein durch die immer willkürliche Namengebung
den Zins als etwas Besonderes hinzustellen, ihn aus der Statik auszuschalten,
denn daß es in einer Wirtschaft, in der Augenblicksproduktion herrscht,
keinen Zins gibt, ist wohl nicht bestritten — ganz abgesehen davon, daß
jetzt die Frage entsteht, welchen Namen man dann der nicht im Gleichge-
wicht befindlichen Wirtschaft geben soll (weitere Ausführungen zu diesem
Punkte s. u. S. 157, Anm. 2). — Vgl. auch Amonn, Grundzüge, S. 275ff,,
wo er die Unterscheidung Statik — Dynamik ganz ähnlich wie wir kenn-
zeichnet.