Die „interpsycliologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 495
konkurrieren, hält Tarde für äußerst selten. Für ihn ist jeder
Verkäufer fast immer irgendwie Monopolinhaber. Ein Verkäufer
nun, der alle Exemplare einer in begrenzter, augenblicklich nicht
vermehrbarer Zahl bei ihm vorhandenen Ware so teuer als mög
lich zu verkaufen sucht, wird nach Tarde seinen Preis nicht
nach den Produktionskosten bestimmen, sondern nach Gesichts
punkten, zu denen vorab folgende drei gehören: 1. die größere
oder geringere Verbreitung des Bedürfnisses, das seine Ware zu
befriedigen geeignet ist; 2. der Vermögensstand der am wenig
sten Begüterten unter denen, die jenes Bedürfnis haben, und die
nach Maßgabe des vorhandenen Warenvorrats noch als even
tuelle Käufer in Betracht kommen ; 3. die Intensität des schwäch
sten Bedürfnisses, das noch durch die vorhandene Warenmenge
befriedigt werden kann. Die Grenznutzentheorie, die Tarde
einer ziemlich herben Kritik unterwirft, berücksichtigt nur diesen
letzten Gesichtspunkt *).
In zweiter Linie stellt Tarde die Idee vom gerechten Preise
als ein hochbedeutsames Moment der tatsächlichen Preisbestim
mung hin. Er schreibt: „Es ist von großer Wichtigkeit auf die
Bildung der Idee vom gerechten Preise acht zu haben, weil sie
einer der wesentlichen Faktoren des tatsächlichen Preises ist.
Warum ist es unmöglich diese Idee auszuschalten, was man
auch tue? Warum gelingt es ebenso wenig sie als eine meta
physische Chimäre zu ächten, als sie dem festgelegten Preise
gleichzusetzen, den im Grunde immer der Stärkere dem Schwa
chem auferlegt? Ist es nicht weil das Gefühl der Sympathie
des Menschen für den Menschen derselben Quelle sozialer Be
ziehungen entspringt, die die Menschen in Kampfstellung gegen
einander bringt? Wenn Eigenliebe und Stolz sich trotzen, wenn
Tarde, loe. eit. Bd. II, p. 22 ff., p. 58.
Tarde bestreitet, daß selbst in dem Fall freiester Konkurrenz, den er
für eine seltene Ausnahme hält, der Preis der zum Verkauf gelangenden
Waren durch die Produktionskosten bestimmt wird. Dieser sinkt vielmehr bis zu
dem Punkte, wo der Gewinn der Produzenten geringer wird als jener, den letztere
zu machen begehren und zu erlangen hoffen, wenn sie mittelst der aus dem
sofortigen Losschlagen ihrer Waren realisierten Produktionsmittel neue Waren
erzeugen. Es kann sein, daß sie — wie alljährlich mehrere große Geschäfts
häuser in Paris, die ihre Warenlager räumen wollen — Interesse daran haben,
den Preis ihres jetzigen Artikels sogar weit unter die Produktionskosten
zu setzen, loc. eit. p. 29.