Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

470 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 928 
und Frühjahr auszureichen. Mit der Ausbildung der Stadtwirtschaft entstand der 
regelmäßige Kauf und Verkauf auf dem städtischen Markt, der Austausch zwischen 
dem städüschen Handwerk und Handel und dem umgebenden platten Lande. Der 
kleine Markt war leicht zu übersehen und wurde durch seine Einrichtungen mög— 
lichst in den hergebrachten Bahnen erhalten; stabile Kundenverhältnisse stellten sich für 
beide Teile leicht ein. Freilich auch nicht ohne daß Schwankungen vorgekommen wären, 
wie sie durch Erntewechsel, Krieg und Unruhen, durch Konkurrenz der Nachbarstädte, 
durch den Versuch des Landmannes, sein Bier selbst zu brauen und Ahnliches erzeugt 
wurden. Bei jedem nicht gehörig besahrenen Wochenmarkt mußte der Stadtrat Unruhen 
und Tumult erwarten. Auch in der Stadt selbst erzeugte der Handel und die fort— 
schreitende Technik manche Konkurrenz, welche dem verderblich wurde, der sich dem Fort⸗ 
schritt nicht anschloß. 
In dem Maße, wie der Verkehr, die interlokale Arbeitsteilung zunahm, wie die 
Territorial⸗ und Voikswirtschaft sich ausbildete, d. h. in etwas großen Staaten ein 
halbwegs freier Markt mit besseren Verkehrsmitteln und eine lebendigere Konkurrenz 
fich entwickelten, wurde die Sache aber jedenfalls noch viel schwieriger. Zwar blieb zu— 
nächst meist dem Landmann mit seinen schwer transportabelen Waren der Absatz in der 
Nähe gefichert, auch den örtlichen Handwerkern und Händlern blieb lange eine relativ 
gesicherle Rachfrage der Nachbarn und der Umgegend für viele Waren; aber es begann 
doch die Konkurrenz des Jahrmarktes mit der örtlichen Produktion. Das feine Tuch, 
die besseren Metallwaren und ÄAhnliches kamen nun von weiter her; die größeren Städte 
bedrängten die Warenproduktion der kleineren, die eine Provinz die der anderen. Und 
das steigerte sich mit der Post, dem Chausseebau, den Kanälen, dem leichteren Fracht⸗ 
verkehr immer mehr. An einzelnen Punkten begann man fürs ganze Land und bald 
auch fürs Ausland zu arbeiten; die industrielle Blüte einzelner Städte und Industrien 
seit dem 18. —16. Jahrhundert beruhte meist zugleich auf dem Rückgang der betreffen⸗ 
den Gewerbe an anderen Orten oder auf der Thatsache, daß die ganz neuen Gewerbe 
nicht mehr wie früher überall Platz griffen. So klagt man seit dem 16. Jahrhundert 
über den Untergang einzelner Gewerbe, z. B. der Tuchmacherei oder Brauerei in vielen 
Städten, über den Rückgang der kleinen Städte im allgemeinen. Wo man wie in Augs— 
burg und Ulm für den italienischen Markt Barchent verfertigte, wo wie in England seit 
1400 die Tuchmacherei wesentlich für den Export arbeitete, entstanden schon damals 
jür Jahre und Jahrzehnte schwere Absatzstockungen. Und sie steigerten sich im 17. und 
18. Jahrhundert, je mehr die Absatzlinien sich nach Spanien, nach den Kolonien aus— 
dehnten. Manche Ware brauchte jetzt Jahr und Tag, bis sie an dem Bestimmungsort 
ankam; wer wollte da sagen, wie bis dahin Krieg und Frieden, gute und schlechte Kon— 
unktur sich stellen werde. Der Verkauf auf den großen Messen hing von so vielen 
Zufälligkeiten ab, daß man schwer im voraus wissen konnte, ob man den mitgebrachten 
Vorrat' los werde. Der Zustand war nur deshalb leichter erträglich als heute, weil 
die Produktion für die fremden Märkte doch nur einen mäßigen Prozentteil des Ganzen 
ausmachte, und die zunehmende Konkurrenz im Inneren der Staaten mit einem Bedarf 
rechnete, den man im ganzen doch übersah, der sich nach und nach immer wieder kon— 
solidierie, der durch hohe Transportkosten, oft auch durch Schutzzölle und Verbote gegen 
außen gesichert war. 
Im 19. Jahrhundert hat die Weltwirtschaft und die neue Verkehrstechnik die 
Linien zwischen Produktion und Konsumtion unendlich viel weiter auseinandergezogen 
als früher. Immer neue Märkte öffneten sich seit der Unabhängigkeitserklärung der 
südamerikanischen Staaten in den zwanziger Jahren; die Kolonien und die Länder der 
Edelmetallproduktion traten ganz anders als Käufer von Industriewaren auf; die Er— 
mäßigung der Zolltarife und die Eisenbahnen steigerten die internationale Arbeitsteilung 
von 18406 an ganz anders als jemals früher. Dabei konnten große Rückschläge nicht 
ausbleiben; die Anderungen der Zollsysteme, das rasche Aufblühen neuer Industrie— 
und Ackerbauländer, die völlige Unsicherheit über die Konsumtionskraft der großen 
asiatischen Reiche erzeugten nalurgemäß mit den wachsenden Konkurrenzkämpfen, mit
	        
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