6. Die Konsumvereine.
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von der Vermittlung des Großhandels unabhängig. Anmittelbare Beziehungen zu
den Produzenten werden angeknüpft, ja unter Amständen eigene Produktionsbetriebe
eröffnet. Die Erfahrung lehrt, daß Großhandelsvereinigungen dort, wo es sich um
qualitativ wenig differenzierte, einem ständigen Bedarfe entsprechende Massengüter handelt,
die Produktion mit Erfolg betreiben können.
Wenn man den Konsumvereinen vorwirft, daß sie den Kleinhandel zu Grunde
richten oder mindestens empfindlich schädigen, so läßt sich nicht leugnen, daß große
Fortschritte der Bewegung diese Wirkung Hervorrufen. Trotzdem kann es von einem
allgemeinen Standpunkte aus nicht gerechtfertigt werden, wenn der Versuch unternommen
wird, die Konsumvereine deshalb durch fiskalische Maßregeln zu unterdrücken. Die
Vereine stellen eine vollkommenere Organisation des Verteilungsgeschäftes dar und
müssen ebensosehr als wirtschaftlicher, wie als sozialer Fortschritt gewürdigt werden.
Je weniger objektiven Aufwand die Verteilung in Anspruch nimmt, desto mehr Kräfte
bleiben der Produktion erhalten, und desto reichlicher kann die Güterversorgung über
haupt ausfallen. Der Stand der kleinen Krämer hat ebensowenig ein unantastbares
Recht auf die Erhaltung seiner Erwerbsgelegenheit, als es Landwerker und Arbeiter
besitzen, denen die Einführung von Maschinen die Beschäftigung entzieht. Da überdies
die Entfaltung der Konsumvereine sehr allmählich vor sich geht, so besitzt der Klein
handel ausreichende Zeit, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen.
Ein anderer Vorwurf, der namentlich von Ferdinand Lassalle den Konsum
vereinen gemacht wurde, ging dahin, daß sic nicht im stände seien, der Arbeiterklasse
eine tatsächliche Verbesserung zu verschaffen, weil im Verhältnisse zu der von ihnen
bewirkten Verbilligung der Lebenshaltung auch die Löhne heruntergehen würden.
Die Beobachtung zeigt aber, daß die Konsumvereine in noch höherem Grade, als sie
die Lebensmittel verbilligen, die Lebensansprüche der Arbeiter steigern. Die Arbeiter
geben infolge der Konsumvereine in der Regel nicht weniger für Lebensmittel aus, sie
konsumieren mehr und vor allem in besserer Qualität. Weit entfernt, den Ztanckurck
of life herunterzudrücken, tragen sie gerade viel zur Verfeinerung des Geschmackes und
Erhöhung der Bedürfnisse bei. Im übrigen würde selbst dann, wenn die Konsum-
Vereine eine absolute Verminderung der Ausgaben für Lebensmittel bewirken sollten,
ein Sinken des Lohnes wenigstens nicht für diejenigen Arbeiter eintreten, welche
gewerkschaftlichen Vereinigungen angehören. Vermag der Gewerkverein auch nicht,
selbst bei aufsteigender Konjunktur, mit absoluter Sicherheit die Löhne zu erhöhen, so
kann er doch Lohnherabsetzungen ungemein erschweren. Kein Arbeitgeber wird leichten
Lerzens wagen, die Löhne herabzusetzen, wenn ihm eine wohlorganisicrte Arbeiterschaft,
insgesamt von dem Bestreben beseelt, in ihrer Lebensführung fortzuschreiten, gegen
übersteht. Bereits erreichte Vorteile, an deren Genuß man sich gewöhnt hat, wieder
zu verlieren, bedeutet für die meisten Menschen ein weit empfindlicheres Opfer, als
etwa auf eine vielleicht mögliche Verbesserung ganz zu verzichten. Mit der Stärke
des Opfers wächst der Widerstand. Der Arbeitgeber muß sich darauf gefaßt machen,
daß die Arbeiterschaft eine geplante Lerabsetzung der Löhne bis aufs Äußerste bekämpfen
und ihre Lebenshaltung mit größter Zähigkeit zu bewahren trachten wird. Äberdies
wird ein gegen Lohnherabsetzungen geführter Kampf in der öffentlichen Meinung, auf
die heute doch viel ankommt, leicht mehr Sympathien zugunsten der Arbeiter als der
Arbeitgeber Hervorrufen.
Mit Lilfe der Gewerkvereine ist es englischen Arbeiten: sogar gelungen, trotz
der Preisermäßigungen, welche durch die überseeische Konkurrenz und die Freihandels
politik in den wichtigsten Lebensbedürfnissen eingetreten sind, und die an Bedeutung die
Verbilligung durch die Konsumvereine erheblich überragen, die Lohnbewegung in auf
steigender Linie zu erhalten.