Der Instinkt des Selbstgefühles.
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den Typus des gesicherten und gehaltvollen Selbstgefühles demjenigen
des ungesicherten und leeren Selbstgefühles gegenüberstellen.
Man kann den ersten Typus wohl auch als den Typus Würde be-
zeichnen, wobei man freilich wiederum die Wahl eines mehrdeutigen
Ausdrucks nicht vermeiden kann. Die Eigentümlichkeit eines würde-
vollen Menschen besteht darin, daß der Wert, auf dem sein Selbstbewußt-
sein beruht, den ganzen Menschen in allen seinen Fasern durchdringt
und ihm als absolut sicheres Eigentum erscheint. Wesentlich ist dabei
auch seine Bereitschaft, sich den Werten, an denen er teil hat, in ihren
Verkörperungen unterzuordnen und ihnen zu dienen. Auch diese Be-
reitschaft durchdringt das ganze Wesen und prägt sich in der ganzen
Haltung lebhaft aus. Der würdevolle Mensch schafft wohl eine Distanz
um sich herum, zugleich aber erweckt er das Bewußtsein, seinen Wert
erst einem höheren Gebilde zu entnehmen, das ebenso über ihm wie über
seiner Umgebung steht. Mit glücklichem Griff bezeichnet im Gegensat
dazu unsere Sprache eine gewisse Abart des zweiten Typus wohl als einen
„aufgeblasenen‘“ Menschen, weil diese ihre innere Leere durch einen von
außen entlehnten Glanz vor sich und andern verhüllt und sich künstlich
über sich selbst vergrößert. —
Unsere modernen Verhältnisse sind beiläufig bemerkt der Entfaltung der Würde
besonders ungünstig. Es hängt das zusammen mit der weitgehenden Zerstörung der
Gemeinschaftsverhältnisse, vermöge deren der Wert der eigenen Person nur noch
selten durch den der eigenen Gruppe ergänzt werden kann; mit der Zunahme der
wandelbaren äußeren Beziehungen und zufälligen Umstände, von denen Erfolg und
Position bei uns abhängen, und mit der allgemein herrschenden Tendenz zum
Wechsel im Geschmack des Publikums und dem Modecharakter seiner Wertschägun-
gen. Übrigens hat die Mode ebenso nahe Beziehungen zu unserem zweiten Typus
des Selbstgefühles wie die Sitte zum ersten. Der Bauer, der die Festtracht seiner
Väter trägt, fühlt in ihr den Wert seines Standes und seiner Familie verkörpert;
die Mode, rasch wechselnd und ausgebreitet über einen Kreis, der keinen Gemein-
schaftscharakter besitzt. vermag solche Wirkungen nicht hervorzubringen.
4. Von einzelnen besonderen Formen unseres Instinktes
nennen wir vor allem den Machttrieb. Wir können hier auf die oben
getroffene Unterscheidung der beiden Instinktformen zurückgreifen und
sie zugleich vertiefen. Macht wird in der Regel begehrt, nicht wegen der
rein physischen Herrschaft, sondern wegen der damit verbundenen An-
erkennung oder Geltung — deswegen, weil der Mächtigste zugleich als
der Beste und Wertvollste gilt. Begehrt wird die Auszeichnung. Wo wir
herrschen, umgibt uns eine Atmosphäre der Ehrfurcht. Was wir dabei
genießen, ist nicht nur die Bestimmungs- oder die Verfügungsmöglichkeit
über andere Menschen und Dinge, sondern auch ein spezifisches Höhen-
bewußtsein gegenüber den anderen: wo wir über die anderen erhoben
sind im äußeren Sinne, sind wir zugleich erhaben über sie im Wert-
Vierkandt. Gesellschaftelehre