Erste Blüte individunalistischen Geisteslebens. 205
in die Agitation gezogen; darum wollte er ins Große
wirken, zumal er von lebhaftem Erwerbssinn getrieben war;
massenhaft sollten Erzeugnisse seiner Werkstatt auf dem Markte
erscheinen. So ward er zum Verleger einer von zahlreichen
Gesellen bevölkerten Malfabrik, aus der unzählige Andachts—
bilder und Porträts und Kupferstiche und Holzschnitte
ernster und karikierender Art hervorgegangen sind, freilich nicht
minder Darstellungen aus der Bibel und der heidnischen
Mythologie, bei denen es vornehmlich auf die Befriedigung
der Augenlust des Bestellers abgesehen war, Adam und Eva
etwa, oder die Grazien, oder Venusbilder mit verzeichneten
Körpern und schönbäckigen Gesichtern, die angestochenen Apfel—
chen gleichen. Unter dieser Thätigkeit verlor dann der Meister
sich selbst; er ward zum oberflächlichen Dolmetsch des neuen
Glaubens, und nur selten noch erhob er sich, wie in dem
Altarbild der Weimarer Pfarrkirche, über den Durchschnitt
handwerksmäßiger Auffassung.
In Oberdeutschland traf die Art Grünewalds namentlich
in dem Elsässer Hans Baldung, genannt Grün, und in dem
Baiern Albrecht Altdorfer auf geistesverwandte Künstler. Zwar
waren sie beide, und vor allem Baldung, selbständige künst—
lerische Charaktere; auch hat Dürer nebenher auf beide ein⸗
gewirkt. Aber gleichwohl läßt sich ihr Zusammenhang vor
allem mit Grünewald nicht verkennen.
Für Baldung, der um 1476 geboren und 15485 gestorben
ist, ergiebt sich das deutlich vor allem aus seinem Hauptwerke,
dem 1511 -1516 entstandenen Altar des Domes zu Freiburg
i. B. Gewiß ist hier die Linienführung fester, die Komposition
plastischer, als bei Grünewald; aber innerhalb dieses begrenzten
Rahmens waltet der träumerische Zauber des Kolorismus.
Und in späteren Jahren tritt dies Element, zugleich mit einer
Anlage zum Pathos, zum Humoristischen, zum sonderbar
Stimmungsvollen immer mehr hervor, und die Vorwürfe werden
immer phantastischer, von der Sündflut bis zu den Allegorien
der sogenannten himmlischen und irdischen Liebe und zu den