II. Theil. Statistik der Sterbefalle.
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Dass die Sterbefallsummen in den ersten beiden Jahr
zehnten etwas grösser sind, als die Versicherungssummen, kann
daher rühren, dass in diesen zwanzig Jahren verhältnissmäsig
viel Höherversicherte starben ; das Zurücktreten der Sterbefall-
hinter die Versicherungssumme in den letzten dreissig Jahren
wird seinen Hauptgrund in dem reichlichen Zugänge junger
Personen mit höheren Versicherungssummen haben und sich
zum Th eil mit aus der am Schlüsse des vorigen Theiles
(Kap. VII) erwiesenen Höhe der Durchschnitts-Versicherungs
summe der bei Lebzeiten Abgegangenen erklären.
III. Kapitel.
Sterbefälle nach den Todesursachen.
Die Klassification der Todesursachen, wie sie zum ersten
Male in Tab. XII vor Augen tritt, macht keinen Anspruch
auf das Lob strenger Wissenschaftlichkeit. Sie folgt nicht
einem einheitlichen Plane; denn sie enthält neben Rubriken
für grosse Krankheitsgruppen gleichwertige Rubriken für ein
zelne Krankheiten ; sie ist aber auch nicht vollständig ; eine
grosse Menge wichtiger Krankheitsformen ist in der Klasse 20
(»Sonstige Krankheiten«) zusammen geworfen. Allein diese Klassi-
tication ist, so wie sie ist, dem praktischen Bedürfnisse erwachsen;
hervorragende medicinische Systematiker und Statistiker haben
sie dem Zwecke, welchem sie dienen soll, entsprechend ge
funden, und sie hat sich insofern praktisch bewährt, als sie die
bekanntlich recht schwierige Arbeit der Ordnung einer grossen
Zahl von Slerbefällen nach den Todesursachen auf Grund von
Ster befa! 1 berichten, welche zwar, verglichen mit demjenigen
Materiale, dessen sich die allgemeine Mortalitäts-Statistik zu
bedienen hat, sehr genau und vollkommen sind, aber sich
einer sehr mannigfaltigen Nomenclátor bedienen, doch ermög
licht, ja in recht befriedigender Weise ermöglicht hat.
Freilich enthält die Misch-Klasse 20 (»Sonstige Krankheiten«)
3104 von 22017 Fällen, oder 14,10% aller Fälle. Es sind
dies theils Sterbefälle, bei denen die Todesursache nicht mit
Sicherheit hatte ermittelt, oder mit Bestimmtheit hatte bezeichnet
werden können, theils solche, bei denen die Bezeichnung der
Todesursache und die Berichterstattung über die beobachteten
pathologischen Erscheinungen kein genügend deutliches Bild
ergab, tlieils endlich solche, bei denen nur ganz vereinzelt
vorkommende Todesursachen zu constatiren waren, so dass es
nicht gelohnt hätte, um ihretwillen besondere Klassen zu bilden.
Streng genommen sind also nur 85,90 % der Sterbefälle
nach den 1 odesursachen klassificirt. Die Klasse 3 ( Andere
Infeetionskrankheiten «) enthält zwar auch eine grosse Zahl
verschiedener 1 odesursachen; aber neben den einzeln ange
führten Infeetionskrankheiten erscheint diese Misch-Klasse doch
nicht allzu bunt, zumal wenn man bedenkt, dass die gewöhn
lichen Infeetionskrankheiten des Kindheitsalters hier beinahe
ganz ausser Betracht bleiben. Man findet unter den Todes
ursachen dieser Klasse am häufigsten Ruhr, Brechdurchfall,
Cholera nostras, Grippe, Blattern, Rothlauf, Eiterfieber, in
neuerer Zeit einige Male auch Trichinose.
Eine etwas gemischte Klasse ist endlich noch die Klasse 22
(»Verunglückungen«). Da sie im Ganzen nur 1,37% der Fälle
enthält, schien es nicht zweckmäsig, aus dieser einen mehrere
Klassen zu bilden. So mussten freilich 7 Ermordungsfälle und
einige Fälle der Tödtung im Kriege, neben den gewöhnlichen
Unfällen durch Ertrinken, Todtfallen, Ueberfahreuwerden, Ver
brennen u. s. w. mit aufgeführt werden. Dass hier selbst
ein Enthauptungsfall mit gezählt ist, hat selbstverständlich nur
den Grund, dass dieser Fall in keiner anderen Klasse mit auch
nur gleicher Berechtigung Platz hätte finden können.
Unsere an Tab. XII anknüpfenden Betrachtungen sollen
den Gegenstand in drei Richtungen beleuchten: 1) wollen wir
das Gewicht der einzelnen Todesursachen überhaupt und für
die ganze fünfzigjährige Periode, 2) wollen wir die Verände
rungen dieses Gewichtes in den einzelnen Jahrzehnten, und
endlich 3) die Beziehungen zwischen den Sterbefallsummen
! und den Todesursachen ins Auge fassen.
Lassen wir die Klasse 20 (»Sonstige Krankheiten«) ausser
Betracht, so rangiren die Todesursachen, hingesehen auf die
Zahl der Fälle, in der ganzen fünfzigjährigen Periode folgender-
I maasen :
I. Kl. 18 (Gehirn-Schlagfluss)
mit Procent
Fällen aller Fälle
2671 = 12,13
2560 = I 1,63
2. » 4 (Lungenschwindsucht)
3. » U (Entzündl. Krankheiten der Organe
der Brusthöhle)
4. » 23 (Altersschwäche)
5 ) I (Typhus)
6. » 13 (Chron. Herzkrankheiten)
7. » 5 (Krebs)
8. » IO (Chron. Gehirn- u. Rückenmarks
krankheiten)
9. » 3 (Andere Infeetionskrankheiten)
10. > 15 (Chron. Leberkrankheiten)
11. » 12 (Chron. Entzünd, und Katarrhe der
Lungen - Schleimhaut und Lungen-
Emphysem)
12. » 19 (Lungen-Schlagfluss)
13. » 14 (Unterleibs-Entzündung)
14. » 21 (Selbstentleibung)
15. » 22 (Verunglückung)
16. » 16 (Bright’sche Krankheit)
17. » 2 (Asiat. Cholera)
18. » 17 (Aeussere Schäden u. Geschwüre)
19. » 6 (Gelenk-Rheumatismus)
20. » 9 (Gehirn-Entzündung)
21. » 7 (Diabetes mellitus)
22. » 8 (Geisteskrankheiten)
Auf die fünf ersten Todesursachen ist beinahe die Hälfte
aller Sterbefälle, auf die sieben ersten sind 13196 von 22017,
oder beinahe 60 % aller Sterbefälle, zurückzuführen. Auch
abgesehen von ihrem verschiedenen Zahlengewicht sind diese
Todesursachen, wie die anderen alle, selbstverständlich von sehr
verschiedener Bedeutung für die Lebensversicherung. Alters
schwäche z. B. und Gehirnschlagfluss, welcher, wie wir weiter
unten sehen werden, auch vorzugsweise die Reihen der älteren
Versicherten lichtete, sind mit ihren zusammen 19,41 % weit
weniger gewichtig, als es die Lungenschwindsucht mit ihren
11,63% ist. Jene 19,41% enthalten kaum eine Lehre oder
Mahnung für den Versicherungsmann ; diese 11,63 % — obwohl
keineswegs ein hoher Procentsatz im Vergleich mit anderweit
gemachten Beobachtungen ! — reden eine sehr laute und ver
nehmliche Sprache und fordern dringend auf zu immer erneuter
Wachsamkeit und Vorsicht. Während doch einige der ver
heerendsten anderen Todesursachen im Laufe der Jahrzehnte
in ihrer verheerenden Wirkung einigermaasen abgeschwächt
worden sind, behauptet die Lungenschwindsucht im Wesent
lichen durch alle Jahrzehnte ihren hohen Rang unter den
Todesursachen. Einige Beruhigung mag es gewähren, dass
der Procentsatz der Opfer dieser verheerenden Krankheit
2397 =
1603 =
1576 =
1279 =
1110 =
914 =
629 =
563 =
542 =
498 =
468 =
410 =
302 =
298 =
291 =
245 =
201 =
180 =
93 =
83 =
10,39
7,28
7,16
5,81
5,04
4’15
2,96
2,56
2,46
2,26
2,13
1,86
1,37
1,05
1,32
Uli
0,91
0,32
0,42
0,38