Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

II.  Theil.  Statistik  der  Sterbeialle

Gewicht  nie  sehr  bedeutend  geltend  gemacht;  am  meisten  im
dritten  Jahrzehnt,  wo  ihr  3,07  %  aller  Sterbefälle  zuzuschreiben ­
  sind.
Auch  das  Gewicht  der  »anderen  Infectionskrankh
  eiten«  schwankt,  scheint  aber  im  Ganzen  doch  in  der  Abnahme ­
  begriffen  zu  sein,  was  dann  wohl  auch  den  Fortschritten
der  Therapie  dieser  Krankheitsgruppe  zuzuschreiben  wäre.
Der  Lungenschwindsucht  wurde  schon  oben  gedacht.
Der  dort  angedeutete  Grund  einer  im  Ganzen  doch  ersichtlichen, ­
  wenn  auch  mäsigen  Abnahme  des  Gewichtes  dieser
Todesursache  wird  auch  durch  die  gewiss,  bedeutsame  —  freilich ­
  aus  dem  vorliegenden  Tabellenwerke  nicht  erhellende  —
Thatsache  gestützt,  dass  die  Lungenschwindsucht  mit  den
Jahren  immer  geringere  Opfer  aus  den  Reihen  der  erst  kurze
Zeit  Versicherten  fordert;  man  ist  also  mit  der  Zeit  geschickter
in  der  Diagnose  der  Krankheitsanlagen  und  strenger  in  der
Abwehr  solcher  Versicherungen  geworden,  welche  in  der  fraglichen ­
  Richtung  auch  nur  Spuren  von  Bedenken  erregen.  Auf
eine  Abnahme  der  Häufigkeit  dieser  verheerenden  Krankheit,
oder  auf  eine  Abschwächung  ihrer  Gefährlichkeit  im  Allgemeinen
dürfte  man,  angesichts  der  Resultate  der  allgemeinen  medicinischen
  Statistik,  leider  auch  dann  nicht  schliessen,  wenn  die
Leb  en  s  ver  si  cher  un  gs-  Statistik  durchgehends  eine  selbst  noch
viel  stärkere  allmähliche  Abnahme  des  Gewichtes  dieser  Todesursache, ­
  als  sie  für  eine  einzelne  Anstalt  aus  der  obigen  Uebersiclit
  erhellt,  constatiren  könnte.  Uebrigens  muss  auch  stark
bezweifelt  werden,  dass  eine  solche  Abnahme  für  die  gesammte
deutsche  Lebensversicherung  constatirt  werden  würde.
Die  fünfte  der  obigen  Todesursachen  (Krebs)  zeigt  bei
absolut  ziemlich  beträchtlichen  Zahlen  eine  procental-bedenkliche
Zunahme  im  Laufe  der  Jahrzehnte.  Es  muss  dahin  gestellt
bleiben,  ob  dieses  verderbliche  und  jeder  ärztlichen  Kunst  noch
trotzende  Leiden  überhaupt  in  dem  fraglichen  Beobachtungsgebiete ­
  und  Zeiträume  erheblich  zugenommen  hat,  oder  ob  die
Steigerung  seines  Gewichtes  nach  Ausweis  der  vorliegenden
statistischen  Daten  auf  irgend  eine  andere  Ursache  zurückzuführen ­
  ist.  Wachsam  genug  wird  seit  geraumer  Zeit  auch
dieser  schlimme  Feind  beobachtet.
Der  Einfluss  des  Gelenk-Rheumatismus  ist  absolut
nicht  erheblich  und  zeigt  relativ  eine  Tendenz  zur  Abnahme.
Hier  mögen  theils  die  Fortschritte  der  Therapie,  theils  Cautelen
bei  der  Antragsprüfung  abschwächend  ein  wirken.
Geisteskrankheiten  spielen  an  sich  in  der  vorliegenden
Statistik  keine  sehr  bedeutende  Rolle  —  83  unter  22017  Sterbefällen ­
  sind  auf  diese  Todesursache  zurückgeführt.  Kaum  kann
man  annehmen,  dass  hier  die  Diagnose  häufig  fehlgegangen
sei;  wäre  sie  es,  so  wäre  wohl  eher  zu  viel,  als  zu  wenig  auf
dieses  Conto  gekommen.  Wäre  der  Factor  an  sich  gewichtiger,
so  würde  man  versucht  sein,  die  ersichtliche  procentale  Zunahme ­
  seit  1849,  welche  freilich  den  Procentsatz  des  ersten
Jahrzehnts  nicht  wieder  erreicht,  aus  der  ersten  der  Ursachen
zu  erklären,  aus  welchen  oben  die  viel  beträchtlichere  Zunahme
des  Gewichtes  der  chronischen  Herzkrankheiten  zu  erklären
versucht  wurde.
Auf  diese  Ursache  ist  mit  einiger  Sicherheit  der  im  Ganzen
steigende  Einfluss  der  beiden  folgenden  Klassen  (»Gehirn-Entzündung»
  und  »Chronische  Gehirn-  und  Rückenmarks-Krankheiten«), ­
  vielleicht  auch  das  in  den  letzten
beiden  Jahrzehnten  beträchtlich  steigende  und  an  sich  stets
sehr  erhebliche  Gewicht  des  Gehirn-Schlagflusses  (Kl.  18)
zurückzuführen.  Freilich  dürfte,  wie  schon  oben  angedeutet,
ein  grosser  Theil  der  unter  Kl.  18  gezählten  Todesfälle  mit
gleichem  Rechte  unter  Kl.  23  (Altersschwäche)  unterzubringen
gewesen  sein.  Das  Durchschnittsalter  der  an  Gehirn-Schlagfluss ­
  Gestorbenen  betrug  61,93  Jahre,  und  bekanntlich  ist  der

Gehirn-Schlagfluss  eine  der  häufigeren  Formen,  zu  denen  der
Marasmus  des  Alters  führt.  Wie  in  den  vorliegenden  Tabellen,
so  werden  ja  in  der  Regel  unter  der  Todesursache  »Altersschwäche« ­
  ausschliesslich  jene  Fälle  rubricirt,  bei  denen  die
Auflösung  nicht  plötzlich  unter  einem  einzelnen  charakteristisch
hervortretenden  Symptome  abschliesst,  sondern  der  Tod  unter
allmählichem  Erlöschen  der  Lebenskraft  fast  unmerklich  eintritt.
Die  mit  einer  absolut  sehr  hohen  Ziffer  auftretenden
»Entzündlichen  Krankheiten  der  Brusthöhle«  (Kl.  11)
und  die  wesentlich  weniger  in’s  Gewicht  fallenden  »Chronischen ­
  Entzündungen  (Katarrhe)  der  L  un  gen  Schleimhaut ­
  und  Emphysem«  (Kl.  12)  gewinnen  im  Ganzen  relativ
stärkere  Bedeutung  in  neuerer  Zeit  —  wahrscheinlich  weniger
in  Folge  des  häufigeren  Auftretens,  als  in  Folge  der  richtigeren
Erkenntniss  und  Bezeichnung.
»Chronische  Leberkrankheiten«  (Kl.  15),  «Aeussere
Schäden  und  Geschwüre«  (Kl.  17)  und  »Lungenschlagfluss« ­
  (Kl.  19)  zeigen  bei  im  Ganzen  niedrigen  Ziffern  keine
charakteristische  Gewichtsveränderung.  Auch  von  den  Fällen  des
Todes  in  Folge  von  Lungenschlagfluss  würden  wohl  manche
mit  gleichem  Rechte  den  Todesfällen  an  Altersschwäche  beizuzählen ­
  gewesen  sein.
Die  gemischte  Klasse  20  (»SonstigeKrankheiten«)  mit,
wie  oben  erwähnt,  im  Ganzen  3104  Fällen,  verliert  in  den
letzten  beiden  Jahrzehnten  wesentlich  an  Gewicht.  Insoweit
sie  nicht  richtig  erkannte  und  bezeichnete  Todesursachen  umfasst, ­
  welche  nur  im  Ganzen  zu  selten  auftraten,  um  sie  besonders ­
  zu  rubriciren  (z.  B.  Milzkrankheiten,  Blasenleiden,
Darmblutungen,  Darmverschlingungen,  Blutvergiftungen  u.  s.  w.),
wird  sie  mit  der  fortschreitenden  richtigen  Erkenntniss  und
Bezeichnung  immer  mehr  an  Gewicht  verlieren.  Es  ist  dies  die
Klasse,  an  welcher  man  die  wohl  jeder  Lebensversicherungs-Anstalt
  oft  entgegentretende  Schwierigkeit,  Krankheitsberichte,
welche  den  Ursprung  und  Verlauf  der  Todes-Krankheit  eingehend ­
  und  wissenschaftlich  bezeichnen,  zu  erhalten,  am  Deutlichsten ­
  gewahrt.  Es  ist  dies  die  Klasse,  welche  immer  auf’s
Neue  dazu  mahnt,  von  den  Hinterbliebenen  verstorbener  Versicherter ­
  mehr  zu  verlangen,  als  nur  die  ärztliche  Bescheinigung
des  unter  den  und  den  Enderscheinungen  eingetretenen  Todes.
Die  beiden  folgenden  Klassen  (21.  »Seibstentleibung«
und  22.  »Verunglückung«)  zeigen  keine  irgend  bemerkenswerthen
  Gewichtsveränderungen.  In  der  einen  sind  im  Ganzen  410,
in  der  anderen  302  Fälle  verzeichnet.  Möglich,  dass  die  andere
Klasse  manche  Fälle  enthält,  welche  der  ersteren  beizuzählen
gewesen  wären;  schwerlich  aber  sind  in  der  Klasse  21  solche
enthalten,  welche  in  Klasse  22  richtiger  ihren  Platz  fänden.
Dass  die  Selbstentleibungsfälle,  wenn  sie  auch  im  Ganzen  eher
an  Gewicht  zu-,  als  abnehmen,  doch  nur  eine  sehr  geringe
Gewichtszunahme  zeigen,  steht  nicht  im  Einklänge  mit  den
allgemeinen  Erfahrungen.  Dieser  Todesursache  widmet  die
Bank  unausgesetzt  grosse  Aufmerksamkeit;  die  genauen,  den
Gegenstand  von  allen  Seiten  beleuchtenden  statistischen  Aufzeichnungen, ­
  welche  für  die  Vergangenheit  vorliegen  und  zukünftig ­
  stets  ergänzt  werden  sollen,  umfassen  nur  zunächst
eine  noch  zu  kleine  Zahl  von  Fällen,  um  sie  zu  irgend  maasgebenden ­
  Schlüssen  zu  verwerthen,  und  werden  deshalb  besser
hier  zunächst  noch  nicht  mit  veröffentlicht.
An  dritter  Stelle  haben  wir  uns  hier  mit  der  Frage  zu
beschäftigen,  ob  das  vorliegende  Material  gewisse  Beziehungen
zwischen  den  Durchschnitts-Sterbefallsummen  und  den  Todesursachen ­
  erkennen  lasse,  mit  andern  Worten,  ob  daraus  hervorgehe, ­
  dass  gewisse  Todesursachen  besonders  bei  den  Höher-,
gewisse  andere  besonders  bei  den  Niedriger  A  ersieh  erten  wirksam
werden.  Zu  dem  Ende  muss  zuvörderst  aus  Tab.  XII  für  jedes
Jahrzehnt  und  für  den  ganzen  Zeitraum  die  auf  die  Sterbefälle
            
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