Y. Tlieil. Statistik der Sterbliclikeitsverliältnisse.
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Bei Beurtheilung der in der Tabelle i aufgeführten Sterb
lichkeitsprocentsätze ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die
selben durchgängig direct nach den (beigefüglen) Grundbe
obachtungen berechnet sind, sich also nicht genau auf die
selben Durchschnittsalter beziehen. Die Differenz ist indessen
nur gering, wie aus den in den beiden letzten Col. mitgetheilten
Durchschnittsaltern hervorgeht.
Vergleicht man die in Tabelle 2 enthaltenen Differenzen
der Männer- und Frauensterblichkeit für Gotha und für die
zwanzig englischen Gesellschaften, so wird man finden, dass
dieselben zwar ihrer absoluten Grösse nach sehr häufig stark
von einander abweichen, dass aber doch der allgemeine Ver
lauf derselben ein sehr ähnlicher ist und jedenfalls noch mehr
hervortreten würde, wenn die Gothaer Differenzen nicht so
sehr von anscheinend gesetzlosen Schwankungen, welche zum
grossen Theile wohl auf den geringeren Umfang des Materials
zurückzuführen sind, beeinflusst würden. In beiden Beobachtungs
gebieten findet die grösste Ueberschreitung der Sterblichkeit
der Frauen in den jüngeren, die relativ günstigste Sterblich
keit derselben in den höheren Altersklassen statt, und wenn
wir die Resultate, anstatt nach 5 jährigen Altersklassen, nach
10 jährigen zusammengefasst hätten, so würde offenbar das
Minimum in den Differenzen der Männer- und Frauensterblich
keit (die letzte Differenz zu Gunsten der Männer) nach beiden
Erfahrungen auf dieselbe Altersklasse, auf 41 bis 50 fallen.
Einen ähnlichen Verlauf der Differenzen, wie die beiden auf
versicherte Leben sich beziehenden Beobachtungen, zeigen
merkwürdigerweise auch die Erfahrungen der preussischen
Wittwenverpflegungsanstalt, nur dass hier die letzte negative
Differenz auf 36 bis 40 fällt und dass die späteren Differenzen
zu Gunsten der Frauen im Allgemeinen etwas höher sind —
wenigstens etwas höher als die der zwanzig englischen Gesell
schaften, ob auch höher als die von Gotha lässt sich bei den
häufigen Schwankungen der letzteren schwer beurtheilen. Ver
gleicht man dagegen die Sterblichkeitprocentsätze der hier
genannten drei Beobachtungsgebiete, so zeigen sich wiederum
Verschiedenheiten, welche den früher besprochenen in der
Männersterblichkeit ziemlich en ¡sprechen: eine anfänglich ge
ringere Sterblichkeit bei Gotha, als bei den zwanzig englischen
Gesellschaften — man muss hierbei in den Altersklassen, wo
die Gothaer Zahlen grössere Schwankungen zeigen, sich die
Zahlen für IO jährige Altersklassen zusammengefasst denken —,
welche bis zu dem 55. Lebensjahre andauert, um dann in
das Gegentheil umzuschlagen, und eine fast durchgängig höhere
Sterblichkeit der preussischen Wittwenverpflegungsanstalt gegen
über Gotha — ein entgegengesetztes Verhältnis findet hier,
wenn wir uns wiederum die Resultate von 36 bis 45 zusammen
gefasst denken, nur in den Altersklassen 56 bis 60, 71 bis
75 und 81 bis 85 statt. Obgleich also die Sterblichkeit der
Männer und die der Frauen nach jeder der drei Erfahrungen
erheblich von einander abweicht, stehen doch die auf die
Frauen bezüglichen Resultate der drei Beobachtungsreihen in
einem ganz ähnlichen Verhältnisse zu einander, wie die auf
die Männer bezüglichen.
Ein ähnliches Bild, wie die Gesellschaftslisten unter sich,
zeigen die beiden Bevölkerungslisten unter sich. Auch hier j
stimmen die Differenzen nicht dem absoluten Betrage, aber
ihrem allgemeinen Verlaufe nach miteinander überein und auch
hier weisen die Procentsätze selbst auf eine anfänglich günstigere,
später ungünstigere Sterblichkeit für Deutschland hin, mit dem
Unterschiede, dass abgesehen von der kleinen Abnormität in
der Altersklasse 36 bis 40 der Kreuzungspunkt hier nicht,
wie bei den Gesellschaftslisten, zwischen 55 und 56, sondern
zwischen 50 und 51 fällt. Ein ganz anderes Resultat ergiebt ¡
sich aber, wenn man die Differenzen - Golumnen der Gesell- !
schaftslisten mit den entsprechenden der Bevölkerungslisten
vergleicht. Zwar stimmen die Beobachtungen sämmllich inso
fern mit einander überein, als sie für die ersten Altersklassen
durchgängig eine Differenz zu Gunsten der Männer aufweisen,
aber diese Differenz ist bei den Bevölkerungslisten nur äusserst
klein — bei Preussen beschränkt sie sich auf 0,02 in der
Altersklasse 31 bis 35 — und verschwindet bei diesen schon
Mitte der Dreissiger. Es muss hierbei bemerkt werden, dass
manche der älteren Bevölkerungslisten nicht einmal in diesen
Altern eine Differenz zu Gunsten der Männer aufweisen —
was aber wahrscheinlich auf Zählungsfehler, resp. falsche Alters
angaben oder auf irrige Ausgleichungen zurückzuführen ist. —
Bei dieser relativ ungünstigeren Sterblichkeit der versicherten
Frauen ist aber die absolute Sterblichkeit derselben doch keines
wegs ungünstiger, als die der zugehörigen Bevölkerungstafel,
indem Gotha mit Ausnahme der Alterklassen 26 bis 30 und
36 bis 40, in welchen eine kleine Mehrsterblichkeit stattfmdet,
und der Altersklasse 71 bis 75, in welcher die Sterblichkeit
ganz gleich ist, überall kleinere Zahlen aufweist, als »Preussen«,
und die zwanzig englischen Gesellschaften mit Ausnahme von
26 bis 30, 31 bis 35, 71 bis 75 und 76 bis 80 — in der
Altersklasse 71 bis 75 ist die Sterblichkeit der beiden Be
obachtungsgebiete merkwürdigerweise auch hier ganz gleich —
überall geringere Zahlen, als »England«.
Auf welche Ursachen nun das abnorme Verhältniss der
Sterblichkeit versicherter Frauen zu der Sterblichkeit versicherter
Männer zurückzuführen ist, darüber gehen, wie schon ange
deutet, die Ansichten der Fachmänner auseinander. Während
einige die beobachtete Abnormität einfach dadurch zu erklären
suchen, dass die weiblichen Mitglieder der Lebensversicherungs
anstalten hauptsächlich dem Ehestande an gehören, indem sie
gleichzeitig annehmen, dass die verheirateten Frauen in den
jüngeren und mittleren Altersklassen überhaupt einer grösseren
Sterblichkeit unterworfen sein werden, als die unverheirateten
(was natürlich in den Bevölkerungslisten in einem schwächeren
Maase zum Ausdruck gelangen musste, weil hier die unver
heirateten Frauen relativ zahlreicher vertreten sind), glauben
wiederum Andere, dass die bezügliche Mehrsterblichkeit lediglich
auf eine schlechtere Auswahl der Frauenrisicen zurückzuführen
ist, auf eine in manchen Fällen und aus naheliegenden Gründen
nur mangelhaft durchgeführte ärztliche Prüfung derselben. In
Wirklichkeit wird wohl weder die eine noch die andere An
nahme die allein richtige sein, sondern es werden die suppo-
nirten Ursachen gleichzeitig wirksam sein, so dass die abnormen
Differenzen in der Sterblichkeit versicherter Männer und Frauen
teilweise einer höheren Sterblichkeit der verheirateten Frauen
überhaupt, teilweise aber auch einer mangelhafteren Auswahl
derselben zuzuschreiben ist. Was uns zu dieser Ansicht ver
anlasst, sind einesteils die Erfahrungen der Wittwencassen,
welche sich ausschliesslich auf verheiratete Frauen beziehen
und ähnliche, aber bedeutend schwächere Differenzen zu Un
gunsten der letzteren in den jüngeren Altersklassen aufweisen
— nichs blos die oben berücksichtigten Erfahrungen der
Preussischen Wittwenverpflegungs-Anstalt, sondern auch die,
von Oppermann bearbeiteten der Dänischen Witt wen casse zeigen
ein solches Verhältniss; bei den letzteren überwiegt die Sterb
lichkeit der Frauen sogar die der Männer bis zum 43. Lebens
jahr, während bei Brune der Kreuzungspunkt bei dem Alter
40 eintritt — anderenteils gewisse Beobachtungen der Gothaer
Bank selbst, welche für das Vorhandensein auch der anderen
Ursache einen deutlichen Beleg abgeben, wie wir hier gleich
zeigen wollen. Bekanntlich macht sich der Einfluss der ärzt
lichen Auswahl im Allgemeinen durch eine starke Depression
der Sterblichkeit in den ersten Jahren der Versicherung be
merkbar, was an und für sich ganz natürlich ist, da eben nur