9*
V. Tlieil. Statistik tier Sterblichkeitsverhältnisse.
(37
gutachtung der Anträge betrauten Organe bei der Bank all
mählich Platz gegriffen haben wird, und welche auf die Sterb
lichkeit nicht ohne Einfluss bleiben konnte, zu suchen. In
der letzteren Beziehung ist darauf aufmerksam zu machen, dass
in der früheren Periode die Bank das Institut der Vertrauens
oder Agentur-Aerzte noch nicht kannte, und sich mit gutacht
lichen Aeusserungen der Hausärzte begnügte, welche nicht
durchweg auf sorgfältiger ad hoc vorgenommener physikalischer
Untersuchung beruhten. Erst in den Vierziger Jahren wurden
an einigen wenigen Agenturplätzen Agentur-Aerzte angestellt;
erst zu Anfang der Sechziger Jahre gelangte der Grundsatz
zur Durchführung, dass jeder Agentur auch ein Vertrauensarzt
zur Seite stehen müsse. Was die Männer anbetrifft, so ist es
zweifelhaft, welcher der vorgedachten Ursachen der grösste
Einfluss auf die wirklich beobachtete Sterblichkeit zuzuschreiben
ist; denn die auf die Männer bezüglichen Differenzen bewegen
sich noch innerhalb solcher Grenzen, dass schon die eine oder
die andere die Resultate genügend erklären könnte.
Ganz anders liegt die Sache bei den Frauen; hier muss
unbedingt angenommen werden, dass die sorgfältigere Prüfung
den grössten Antheil an dem beobachteten Rückgang hat; denn
der letztere ist so gross und so viel grösser, als der bei den
Männern beobachtete, dass man ihn einer blosen Aenderung
der Gesundheitsverhältnisse, welche in der Sterblichkeit der
beiden Geschlechter sich offenbar ziemlich gleichmäsig äussern
müsste, nicht wohl zuschreiben kann. Die Zahlen der obigen
Tafel bestätigen also die schon in dem vorigen Kapitel aufge
stellte und auf einem ganz anderen W ege begründete Behaup
tung, dass die hohe Sterblichkeit der Frauen innerhalb der
jüngeren Altersklassen theilweise von der ungenügenden Aus
wahl derselben herrührt, deuten aber auch gleichzeitig an, dass
die Auswahl in neuerer Zeit eine wesentlich sorgfältigere ge
worden ist.
Mit den oben mitgetheilten Zahlen die entsprechenden
Erfahrungen der 17 englischen und 20 englischen Gesellschaften,
welche zwar theilweise verschiedenen Beobachtungskreisen und
auch nur theilweise dem gleichen Zeitraum an gehören, sich im
Durchschnitt aber doch auf weiter auseinander liegende Ge
schäftsperioden beziehen, zu vergleichen, wird nicht ohne Interesse
sein. (Die Beobachtungen der 17 englischen Gesellschaften
reichen bis etwa 1841, während die der 20 englischen Ge
sellschaften mit dem 31. December 1863 abschliessen.)
Tabelle 3.
Sterblichkeit nach englischen Gesellschafts-
beobachtungen, welche sich theilweise auf
verschiedene Zeiträume beziehen.
Alters
klasse
20—24
25—29
30—34
35—39
40—44
45—49
50-54
55-59
60—64
65—69
70—74
Sterblichkeits -Procentsätze
7 engl. Gesellschaften | 20 engl. Gesellschaften
0,75
0,80
0,88
O.97
1,10
1,3«
1,80
2,48
3,»:
5-14
7-51
£ •-=
2,01
1,35
1.58
1.59
1.46
1,69
1,85
2.61
2.94
4,82
6.89
Der Procentsatz nach den
20 engl. Gesellschaften ist
niedriger(- ) od. höher(+)
0,71
0,73
0.85
0,97
1.09
1.36
1-72
2.35
3:38
4-90
7-23
0,85
1,18
1.13
1,21
1.29
I.39
1,57
2,02
2.86
4-37
6,84
0,04
• 0,07
0,03
O.00
■ 0.01
O 00
■ 0,08
0,13
0,14
0.2*
0.31
1,16
0,17
0,43
0,38
0,17
O.30
— 0,28
0,59
0,08
O.45
0,05
Hingesehen auf die Männersterblichkeit sind die Differenzen
hier sehr gering, fallen alter fast durchgängig zu Gunsten der
neuen Beobachtungen aus; ebenso entsprechen die Differenzen
der Frauensterblichkeit der beiden Listen im Grossen und
Ganzen den Resultaten der obigen Tabellen mit dem Unter
schiede , dass dieselben grösstentheils kleiner erscheinen, was-
vielleicht nur darauf zurückzuführen ist, dass die Beobachtungen
der 20 englischen Gesellschaften auch solche umfassen, welche
in denen der 17 englischen Gesellschaften enthalten sind oder
sich wenigstens auf denselben Zeitraum beziehen. Im Allge
meinen lassen die englischen Zahlen also dieselben Schlüsse
zu, wie die der Gothaer Bank; auch sie weisen darauf hin,
dass ursprünglich eine weniger wirksame Auswahl der weib
lichen Risicen stattgefunden hat, welche mit der besseren
Kenntniss der Frauensterblichkeit alsbald einer sorgfältigeren
Prüfung gewichen ist.
Vergleicht man nun noch die Sterblichkeitsprocenisätze der
beiden Tabellen 1 und 2, welche den gleichen Geschäftsperioden
angehören, aber für verschiedene Geschlechter valediren, mit ein
ander, so ergiebt sich das bemerkenswerthe Resultat, dass sowohl
für 1829—59 als für 1859—78 die Sterblichkeit der Frauen in
den jüngeren Altersklassen sich grösser, in den höheren da
gegen kleiner zeigte, als die der Männer, und zwar fällt, wenn
man von einigen wohl hauptsächlich von ungenügenden Be
obachtungszahlen herrührenden Schwankungen absieht, der
Kreuzungspunkt für die Sterblichkeit der beiden Geschlechter
in der früheren Geschäftsperiode etwa zwischen die Alter 50
: und 51 (zwischen die Altersklassen 46—50 und 51—55), in der
letzteren Geschäftsperiode dagegen zwischen die Alter 45 und 46.
Der enorme zeitliche Rückgang in der Frauensterhlichkeit hat
also nicht vermocht, das in den Gesammtbeobachtungen der
Bank sich abspiegelnde Verhältnis der beiden Sterblichkeits-
curven völlig umzukehren ; er hat es für die Frauen nur
günstiger gestaltet, indem erstlich die absolute Höhe der Diffe
renzen zwischen der Sterblichkeit der beiden Geschlechter
bedeutend verringert und zweitens der erwähnte Kreuzungspunkt
auf ein niedrigeres Alter verlegt wurde. Es dürfte hierin
wiederum ein Beweis dafür zu suchen sein, dass die ungünstigere
Sterblichkeit der Frauen in den jüngeren Altersklassen nicht
ausschliesslich einer weniger sorgfältigen Auswahl zuzuschreiben,
sondern theilweise auch in einer anderen rein natürlichen Ur
sache begründet ist, über deren Natur schon oben eine Mutli-
maasung ausgesprochen wurde.
Zum Schlüsse mag noch auf das Verhältnis aufmerksam
gemacht werden, in welchem die Sterblichkeitsprocentsätze der
einzelnen Geschäftsperioden zu den für die ganze Geschäfts
dauer der Bank erlangten Sterblichkeitsprocentsätzen stehen.
Wie es sich von selbst versteht, liegen die Procentsätze der
Periode 1829—78 durchgängig zwischen denjenigen der Pe
rioden 1829 — 59 und 1859—78. Während aber die in der
Tabelle 2 (Frauen) für 1829—78 aufgeführten Sätze so ziem
lich die Mitte zwischen den entsprechenden für 1829—59
und 1859—78 einnehmen, neigen die in der Tabelle 1
(Männer) für die gesammte Geschäftsdauer der Bank ange
gebenen sich sehr stark den Zahlen der letzten Geschäftsperiode
von 1859—78 zu, so dass die Differenzen zwischen diesen
Sätzen im Ganzen genommen etwa nur ein Viertel von den
jenigen betragen, welche zwischen den Sätzen für 1829—59
und 1859—78 bestehen und in der Differenzencolumne jener
Tabelle eingetragen sind. Es ist dies eine einfache Folge der
I Art der Vertheilung der »Lebenden unter Risico« über die
beiden Geschäftsperioden ; bei den Männern liegt der Schwer
punkt der Beobachtungszahlen in der zweiten Beobachtungs
periode ; bei den Frauen dagegen, welche in den späteren
Jahren einen relativ geringeren Zugang aufweisen, vertheilen