Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

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V.  Theil.  Statistik  der  Sterblichkeitsverhältnisse.

ab  tritt  aber  nach  einem  anfänglichen  Gleichgewicht  zwischen
der  höchsten  und  mittleren  Summenklasse,  die  letztere  als  die
günstigere  hervor  und  vom  76.  Lebensjahre  ab  wird  es  sogar
zweifelhaft  —  die  Procentsätze  zeigen  von  hier  ab  mehrere
Schwankungen,  welche  zum  Theil  wohl  auf  den  geringeren
Umfang  der  Beobachtungszahlen  zurückzuführen  sind  —,  ob
man  nicht  die  niedrigste  Klasse  als  die  günstigste  oder  wenigstens ­
  nächstgünstigste  (nach  der  höchsten)  ansehen  soll.  Diese
Resultate  sind  um  so  auffälliger,  als  bei  einer  Zusammenfassung ­
  der  Beobachtungszahlen  sämmtlicher  Versicherungsjahre ­
  ,  wie  es  in  der  obigen  Tabelle  der  Fall  ist,  die  Sterblichkeit ­
  der  niederen  Klassen  in  Folge  des  beträchtlichen  Ueberganges
  guter  Risicen  aus  diesen  in  die  höheren  Summenklassen
(vergl.  die  bezügliche  Bemerkung  in  der  Einleitung  S.  50)
von  selbst,  d.  h.  unter  sonst  gleichen  Umständen,  etwas  ungünstiger ­
  erscheinen  muss,  als  die  der  letzteren,  die  Differenzen
zu  Gunsten  der  höheren  Klassen  also  zum  Theil  auch  auf
diesen  Umstand  zurückzuführen  sind,  und  weil  sich  ferner  annehmen ­
  lässt,  dass  die  ärztliche  Auswahl  präsumtiv  doch  in
den  höheren  Klassen,  wo  die  Untersuchten  selbst  über  ihren
Gesundheitszustand  dem  examinirenden  Arzte  die  eingehendste
Auskunft  zu  geben  in  der  Lage  sind,  weil  sie  auch  wegen
unwesentlicher  Beschwerden  ärztliche  Hülfe  in  Anspruch  zu
nehmen  pflegen,  glücklicher  gewesen  ist,  so  dass  auch  durch
diese  Ursache  die  Differenzen  zu  Gunsten  der  höheren  Klassen
nur  verschärft  sein  können.  Indessen  beruht,  wie  man  bei
näherer  Ueberlegung  finden  wird,  jene  allgemeine  Annahme
über  den  Einfluss  der  wirthschaftlichen  Lage  wohl  auch  nur
auf  einer  mangelhaften  Abwägung  derjenigen  Einflüsse,  welche
sich  in  Wirklichkeit  in  Bezug  auf  Gesundheit  und  Sterblichkeit
in  den  verschiedenen  wirthschaftlichen  Lagen  geltend  machen,
oder  vielmehr  auf  einer  Verallgemeinerung  jener  Resultate  der
allgemeinen  biologischen  Statistik,  welche  aus  der  Beobachtung
der  wirklich  armen  Bevölkerung  im  Vergleiche  zu  der  wohlhabenden ­
  oder  bestsituirten  hervorgegangen  sind.  Berücksichtigt ­
  man,  dass  in  den  unteren  Ständen  Nahrungssorgen,  Entbehrungen, ­
  Vernachlässigungen  in  der  Pflege  in  Krankheitsfällen ­
  zwar  häufiger  Vorkommen,  als  in  der  mittleren  und
höheren,  dass  aber  dafür  in  diesen  auch  eine  weniger  naturgemäse
  Lebensweise  vorherrscht,  dass  in  dem  Kaufmannsstande
und  in  den  academischen  Ständen,  welche  ein  ziemliches  Contingent ­
  zu  den  Versicherten  der  mittleren  und  der  höchsten
Summenklasse  stellen,  Nervenaufregungen  und  geistige  Ueberanstrengungen,
  welche  bekanntermaasen  sehr  verderblich  auf
den  Organismus  einwirken,  nicht  selten  sind,  sowie  dass  es
noch  eine  Reihe  anderer  Momente  geben  wird,  welche  die
Sterblichkeit  in  den  verschiedenen  Ständen  in  verschiedener,
theils  günstiger,  tlieils  ungünstiger  Weise  beeinflussen,  so  kann
es  eigentlich  nur  wenig  befremden,  wenn  wir  in  den  obigen
Summenbeobachtimgen  —  bei  welchen  naturgemäs  die  eigentlich ­
  dürftige  Bevölkerung,  d.  h.  diejenige,  welche  ein  geregeltes
wirthschaftliches  Leben  zu  führen  nicht  im  Stande  ist,  gar
nicht  vertreten  ist  —  die  Sterblichkeit  theil  weise  in  einer  ganz
anderen  Weise,  als  nach  der  Versicherungssumme,  abgestuft
finden  und  noch  weniger,  dass  die  höchste  Summenklasse
gegenüber  der  mittleren  und  diese  gegenüber  der  niederen
mit  dem  vorrückenden  Alter  ungünstiger  wird.  Denn  die  den
höheren  und  theil  weise  auch  den  mittleren  Klassen  eigenthümliclien
  üblen  Lebensgewohnheiten  wirken  bekanntlich  erst  in  den
späteren  Lebensjahren,  erst  in  diesen  treten  die  Folgen  derselben ­
  in  Gestalt  der  mannigfachsten  chronischen  Krankheiten
hervor.  Die  Resultate  unserer  obigen  Tabelle  gewinnen  bei
näherer  Betrachtung  also  sehr  an  innerer  Wahrscheinlichkeit.
Uebrigens  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  dass  bei  einer  annähernd ­
  gleichen  ärztlichen  Auswahl  in  den  verschiedenen

Summenklassen  die  anfänglich  günstigere  Sterblichkeit  der
höheren  Klassen  von  selbst  eine  kleine  Mehrsterblichkeit  in
den  höheren  Lebensjahren  bedingen  könnte,  indem  der  anfängliche ­
  Gewinn  in  der  Sterblichkeit,  wenn  wir  uns  so  ausdrücken
dürfen,  hauptsächlich  solche  Personen  treffen  wird,  welche  von
Haus  aus  von  schwacher  Constitution  oder  mit  gewissen
Krankheitsanlagen  behaftet,  nur  deshalb  am  Leben  blieben,
weil  ihre  wirtschaftliche  Lage  ihnen  eine  grössere  Schonung
der  Lebenskräfte  und  bessere  Pflege  gestattete,  so  dass  sich
in  der  höheren  Klasse  gegenüber  der  niederen  nach  und  nach
eine  Anzahl  schlechter  Risicen  ansammeln  muss,  deren  nur
für  kürzere  Zeit  suspendirte  Sterblichkeit  anfänglich  schwach,
dann  aber  immer  stärker  in  der  allgemeinen  durchschnittlichen ­
  mitzuzählen  beginnt.  Vielleicht  ist  die  ungünstigere
Sterblichkeit  der  mittleren  Summenklasse  vom  75.  Lebensjahre ­
  ab  ausschliesslich  auf  diese  Rückwirkung  der  anfänglichen ­
  Mindersterblichkeit  zurückzuführen,  und  ebenso  ein  gewisser ­
  Theil  der  späteren  ungünstigeren  Sterblichkeit  der  höchsten ­
  Summenklasse,  obwohl  die  Rückwirkung  im  Allgemeinen
nur  dann  bemerkbar  sein  wird,  wenn  die  anfängliche  Mindersterblichkeit ­
  eine  sehr  starke  war  oder  während  einer  langen
Reihe  von  Jahren  andauerte.
Um  den  Einfluss  der  öconomischen  Verhältnisse  auf  die
Sterblichkeit  genauer  zu  erforschen,  wurde  noch  eine  zweite
Tabelle  der  Sterblichkeitprocentsätze  construirt,  in  welcher  die
von  der  ärztlichen  Auswahl  am  meisten  beeinflussten  Beobachtungen ­
  der  10  ersten  Versicherungsjahre  gänzlich  ausgeschlossen
sind.  Da  in  den  einzelnen  Summenklassen  die  Versicherungsdauer ­
  vom  Zeitpunkte  des  Eintritts  in  dieselben,  die  Versicherungsdauer ­
  der  »Männer  überhaupt«  dagegen  von  dem  Zeitpunkte ­
  des  Beitritts  zur  Bank  gerechnet  wird,  so  müsste  der
Vergleich  hier  eigentlich  auf  die  Summenklassen  allein  beschränkt
werden,  doch  haben  wir,  da  der  Einfluss  der  anderen  Berechnungsweise ­
  der  Versicherungsdauer,  practisch  genommen,  nur
ein  geringer  sein  wird  —  er  muss  die  Resultate  der  »Männer
überhaupt«  ein  wenig  günstiger  erscheinen  lassen  —  auch
eine  Columne  für  die  »Männer  überhaupt«  beigefügt.  An
fremden  Listen  sind  hier  die  ziemlich  umfangreichen  Beobachtungen ­
  von  Be  hm,  welche  sich  auf  Eisenbahnbeamte  beziehen,
und  in  den  Jahren  1868  bis  1873  angestellt  worden  sind  (Behm,
Statistik  der  Mortalitäts-,  Invaliditäts-  und  Morbilitätsverhältnisse
bei  dem  Beamtenpersonal  der  deutschen  Eisenbahnverwaltung,
Berlin  1876)  sowie  die  Beobachtungen  der  Heym’schen  Sterblichkeitstafel ­
  herangezogen.  Die  Sterblichkeitsprocentsätze  für  Behm
sind  unter  Zugrundelegung  der  »Lebenden  unter  Risico«,  welche
sich  nach  Tabelle  XXXI  für  die  niedrigste  Klasse  und  bei  Ausschluss ­
  der  ersten  10  Versicherungsjahre  ergeben,  die  für  Heyrn
—  aus  einem  Grund,  der  aus  dem  nächsten  Kapitel  ersichtlich
sein  wird  —  nach  den  entsprechenden  »Lebenden  unter  Risico«
der  höchsten  Summenklasse  berechnet,  können  aber  ohne  Weiteres ­
  mit  einander  und  mit  jedem  der  übrigen  Procentsätze
verglichen  werden,  da  die  Durchschnittsalter  für  sämmtliche-Gruppen
  entweder  dieselben  sind,  oder  nahe  übereinstimmen.
(Siehe  Seite  73.)
Die  Procentsätze  der  drei  Summenklassen  zeigen  hier,
abgesehen  von  manchen  auffälligen  Schwankungen,  die  jedenfalls ­
  dem  beschränkteren  Umfang  der  Beobachtungszahlen  zuzuschreiben ­
  sind,  ganz  ähnliche  Verhältnisse  zu  einander,  wie
die  früheren  der  Tabelle  1,  bestätigen  also  lediglich  die  mit
Bezug  auf  den  Einfluss  der  wirthschaftlichen  Lage  auf  die
Sterblichkeit  bereits  gezogenen  Schlüsse.  Fasst  man  die  gewonnenen ­
  Procentsätze  der  Tabelle  1  und  der  Tabelle  2  in
15  jährige  Mittel  zusammen  oder  wendet  für  solche  grössere
Altersgruppen  das  in  Kapitel  I  auseinandergesetzte  genauere
            
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