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V. Tlieil. Statistik der Sterblichkeitsverhältnisse.
welche die Anomalie in der englischen Sterblichkeit hervorge
bracht haben, theilweise, oder in einem schwächeren Grade,
auch bei Gotha wirksam gewesen zu sein. Welche sind nun
diese auf beiden Gebieten gleichzeitig vorhandenen Ursachen?
1st es diejenige, welche Sprague supponirt, oder diejenige,
welche von Bailey angedeutet worden ist? Auf den ersten
Blick möchte es fast scheinen, als ob das erstere der Fall
wäre; denn der Abgang bei Gotha ist, wie aus den folgen
den Uebersichten hervorgehen wird, recht beträchtlich hinter
demjenigen der 20 englischen Gesellschaften zurückgeblieben
und es würde die beobachtete schwächere Abnahme in der
Sterblichkeit bei Gotha deshalb gewissermaasen als eine Be
stätigung dafür gelten können, dass die Grösse des Abgangs
mit der Gestaltung der Sterblichkeit in Verbindung zu bringen
sei. Indessen kann kein Zweifel darüber obwalten, dass bei
Gotha der grösste Tlieil des Abgangs von solchen Personen
ausgeht, welche sich in finanziell bedrängter Lage befinden,
also von Personen, deren durchschnittliche Gesundheit die ihrer
Mitversicherten kaum übertreffen wird, und überdies ist, wie
eine genaue Betrachtung der Tabellen 9 und 10 ergeben wird,
der Abgang in den mittleren und höheren Versicherungsjahren
schon so klein , dass ein Einfluss desselben auf die Sterblich
keit selbst unter den ungünstigsten Bedingungen kaum statt
finden könnte. Es ist deshalb viel wahrscheinlicher, dass die
Anomalie in den Gothaer Betrachtungen von der von Bailey
supponirten Ursache herrührt und dass die entsprechende, aber
weit schärfer ausgeprägte, Anomalie der englischen Beobach
tungen durch ein Zusammenwirken dieser Ursache mit der
von Sprague vorausgesetzten entstanden ist. Freilich bleiben
selbst bei dieser Combinirung der beiden Hypothesen manche
Ergebnisse der beiden Beobachtungsgebiete räthselhaft, vor
allem die bei Gotha in allen Summenklassen wahrzunehmende
und deshalb schwerlich auf Zufall beruhende auffällige Depres
sion in der Sterblichkeit der Versicherungsperiode 31 bis 35,
welche offenbar zu weit von dem Zeitpunkte der ärztlichen
Auswahl entfernt liegt, als dass sie mit der letzteren irgend
wie in Verbindung gebracht werden könnte. In Wirklichkeit
scheinen demnach noch ganz andere Ursachen mit im Spiele
zu sein, Ursachen, über deren Beschaffenheit bei dem jetzigen
Stande der Wissenschaft kaum Vermuthungen ausgesprochen
werden können.
Die Tabellen 7—7 d bieten auch in anderen, als den bis
her in’s Auge gefassten, Richtungen, manche interessante Auf
schlüsse. Beispielsweise ist aus Tabelle 7 direct zu ersehen,
dass die Sterblichkeit der Gothaer Bank in allen Perioden der
Versicherung geringer war, als die der allgemeinen Bevölkerung
(Heym) und der Staatsbeamten (Brune), während sie gegen
über der der Eisenbahnbeamten (Behm) sich nur bis zum
20. Versicherungsjahre als die günstigere erwies. Aus einem
Vergleich der Rubriken » 17 englische Gesellschaften«, in den
Tabellen 6 und 7 wird man ferner ersehen können, in welchem
Verhältniss die Sterblichkeit der Gothaer Bank in den einzelnen
Versicherungsperioden zu der entsprechenden der 20 englischen
Gesellschaften steht — wobei freilich zu beachten ist, dass die
Versicherungsjahre der beiden Tabellen sich nicht genau
decken — und aus den Gol. »Brune« der Tabellen 7 c — 7 d,
in welchen Verhältnissen die Sterblichkeit der verschiedenen
Summenklassen in den einzelnen Versicherungsperioden zu
einander steht. Diese letzteren Verhältnisse haben bemerkens-
werther Weise eine grosse Aehnlichkeit mit denjenigen, welche
sich bei der Beobachtung nach Altersklassen ergaben; für die
Versicherungsjahre bis 10 inch ist nämlich die Sterblichkeit
um so günstiger, je höher die Summenklasse, vom 11. Ver
sicherungsjahre ab wird dagegen die Sterblichkeit der mittleren
Summenklasse die günstigste, während das Verhältniss zwischen
der niedrigsten und höchsten Summenklasse mehrfach schwankt.
Tabelle 8.
Abgang unter den männlichen Versicherten
der 20 englischen Gesellschaften, in verschiedenen
Perioden der Versicherung.
Ver sicher. -
Jahr
Es standen
unter Kisico
Personen
Es gingen
ah
°/o des
Abgangs
o
i—2
3—5
6—9
10—14
15—19
20—24
25—29
30 u. darüber
63 666,0
223 108,0
252 410,0
240 667,5
188 509
106 807,5
5 8 85i
29479
21 302,5
1 693
13 461
8 703
5 835
2 595
997
417
160
81
2,66
6,03
3 »
2,42
1,38
0,93
0,71
0,5 4
0,38
(Tab. 9 siehe Seite 83.
In der Tabelle 8 ist der gesammte Abgang (der Männer)
der 20 englischen Gesellschaften enthalten, in den Tabellen 9
und 10 der gesammte Abgang bei Gotha »Männer überhaupt«,
sowie der gesammte wirkliche Abgang in den einzelnen Summen
klassen (d. h derjenige Abgang, welcher nicht durch einen
bl osen Summenübergang, sondern durch ein wirkliches Aus
scheiden von der Bank veranlasst wurde). In der Tabelle 9
ist für die »Männer überhaupt« überdies (in Klammern) die Zahl
derjenigen Abgangsfälle angegeben, welche durch einfachen
Ablauf abgekürzter Versicherungen entstanden. Zieht man
diese von dem gesammten Abgang ab, so erhält man also
denjenigen Abgang, welcher ausschliesslich in Folge Auf
gabe laufender Versicherungen oder wegen Ablaufs der
kurzen, nur in den ersten Geschäftsjahren der Bank in
! grösserer Zahl abgeschlossenen Versicherungen stattfand. Be
züglich der »Personen unter Risico« ist zu bemerken, dass die
selben für die » 20 engl. Ges. « und » Männer überhaupt«
durch Abzug der Hälfte der Gestorbenen von den Lebenden
zu Anfang des Jahres in den entsprechenden Altersklassen,
für die einzelnen Summenklassen dagegen durch Hinzufügung
des hälftigen Zugangs wegen Uebergang zu jenen Lebenden und
darauf folgenden Abzug der hälftigen Anzahl der Gestorbenen
und des hälftigen Abgangs wegen Uebergang ermittelt worden
sind, so dass man unter dem »Procentsatz des Abgangs« durch
gängig denjenigen zu verstehen hat, welcher unabhängig von
der Sterblichkeit stattfand, oder welcher sich direct ergeben
hätte, wenn die im Laufe des Jahres Gestorbenen stets durch
Neuhinzugetretene ersetzt worden wären.*)
Einen weiteren Aufschluss über die Sterblichkeit nach der
Versicherungsdauer erhält man, wie bei Mittheilung der Sprague’-
schen Resultate schon angedeutet worden, wenn man die wahr
scheinlichen und wirklichen Sterbefälle nicht blos nach Ver
sicherungsperioden, sondern gleichzeitig nach den letzteren und
nach Altersklassen gruppirt, wobei freilich zu berücksichtigen
ist, dass mit der weiteren Spaltung des Materials auch die
Sicherheit der Ergebnisse eine geringere wird. Es möge des
halb noch die folgende nach den eben angedeuteten Gesichts-
*) Wir halten diese Berechnungsweise des Abgangsprocentsatzes
resp. der zugehörigen Personen unter Kisico selbst für die zweckmäßigste,
sind aber darin auch dem Vorgänge Kings gefolgt, nach dessen Angaben
die erste Tabelle construirt ist. (Vergl. Kings Abhandlung ; Journal etc.
Vol. XIX, pag. 395.)