Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

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V.  Tlieil.  Statistik  der  Sterblichkeitsverhältnisse.

welche  die  Anomalie  in  der  englischen  Sterblichkeit  hervorgebracht ­
  haben,  theilweise,  oder  in  einem  schwächeren  Grade,
auch  bei  Gotha  wirksam  gewesen  zu  sein.  Welche  sind  nun
diese  auf  beiden  Gebieten  gleichzeitig  vorhandenen  Ursachen?
1st  es  diejenige,  welche  Sprague  supponirt,  oder  diejenige,
welche  von  Bailey  angedeutet  worden  ist?  Auf  den  ersten
Blick  möchte  es  fast  scheinen,  als  ob  das  erstere  der  Fall
wäre;  denn  der  Abgang  bei  Gotha  ist,  wie  aus  den  folgenden ­
  Uebersichten  hervorgehen  wird,  recht  beträchtlich  hinter
demjenigen  der  20  englischen  Gesellschaften  zurückgeblieben
und  es  würde  die  beobachtete  schwächere  Abnahme  in  der
Sterblichkeit  bei  Gotha  deshalb  gewissermaasen  als  eine  Bestätigung ­
  dafür  gelten  können,  dass  die  Grösse  des  Abgangs
mit  der  Gestaltung  der  Sterblichkeit  in  Verbindung  zu  bringen
sei.  Indessen  kann  kein  Zweifel  darüber  obwalten,  dass  bei
Gotha  der  grösste  Tlieil  des  Abgangs  von  solchen  Personen
ausgeht,  welche  sich  in  finanziell  bedrängter  Lage  befinden,
also  von  Personen,  deren  durchschnittliche  Gesundheit  die  ihrer
Mitversicherten  kaum  übertreffen  wird,  und  überdies  ist,  wie
eine  genaue  Betrachtung  der  Tabellen  9  und  10  ergeben  wird,
der  Abgang  in  den  mittleren  und  höheren  Versicherungsjahren
schon  so  klein  ,  dass  ein  Einfluss  desselben  auf  die  Sterblichkeit ­
  selbst  unter  den  ungünstigsten  Bedingungen  kaum  stattfinden ­
  könnte.  Es  ist  deshalb  viel  wahrscheinlicher,  dass  die
Anomalie  in  den  Gothaer  Betrachtungen  von  der  von  Bailey
supponirten  Ursache  herrührt  und  dass  die  entsprechende,  aber
weit  schärfer  ausgeprägte,  Anomalie  der  englischen  Beobachtungen ­
  durch  ein  Zusammenwirken  dieser  Ursache  mit  der
von  Sprague  vorausgesetzten  entstanden  ist.  Freilich  bleiben
selbst  bei  dieser  Combinirung  der  beiden  Hypothesen  manche
Ergebnisse  der  beiden  Beobachtungsgebiete  räthselhaft,  vor
allem  die  bei  Gotha  in  allen  Summenklassen  wahrzunehmende
und  deshalb  schwerlich  auf  Zufall  beruhende  auffällige  Depression ­
  in  der  Sterblichkeit  der  Versicherungsperiode  31  bis  35,
welche  offenbar  zu  weit  von  dem  Zeitpunkte  der  ärztlichen
Auswahl  entfernt  liegt,  als  dass  sie  mit  der  letzteren  irgend
wie  in  Verbindung  gebracht  werden  könnte.  In  Wirklichkeit
scheinen  demnach  noch  ganz  andere  Ursachen  mit  im  Spiele
zu  sein,  Ursachen,  über  deren  Beschaffenheit  bei  dem  jetzigen
Stande  der  Wissenschaft  kaum  Vermuthungen  ausgesprochen
werden  können.
Die  Tabellen  7—7  d  bieten  auch  in  anderen,  als  den  bisher ­
  in’s  Auge  gefassten,  Richtungen,  manche  interessante  Aufschlüsse. ­
  Beispielsweise  ist  aus  Tabelle  7  direct  zu  ersehen,
dass  die  Sterblichkeit  der  Gothaer  Bank  in  allen  Perioden  der
Versicherung  geringer  war,  als  die  der  allgemeinen  Bevölkerung
(Heym)  und  der  Staatsbeamten  (Brune),  während  sie  gegenüber ­
  der  der  Eisenbahnbeamten  (Behm)  sich  nur  bis  zum
20.  Versicherungsjahre  als  die  günstigere  erwies.  Aus  einem
Vergleich  der  Rubriken  »  17  englische  Gesellschaften«,  in  den
Tabellen  6  und  7  wird  man  ferner  ersehen  können,  in  welchem
Verhältniss  die  Sterblichkeit  der  Gothaer  Bank  in  den  einzelnen
Versicherungsperioden  zu  der  entsprechenden  der  20  englischen
Gesellschaften  steht  —  wobei  freilich  zu  beachten  ist,  dass  die
Versicherungsjahre  der  beiden  Tabellen  sich  nicht  genau
decken  —  und  aus  den  Gol.  »Brune«  der  Tabellen  7  c  —  7  d,
in  welchen  Verhältnissen  die  Sterblichkeit  der  verschiedenen
Summenklassen  in  den  einzelnen  Versicherungsperioden  zu
einander  steht.  Diese  letzteren  Verhältnisse  haben  bemerkenswerther
  Weise  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  denjenigen,  welche
sich  bei  der  Beobachtung  nach  Altersklassen  ergaben;  für  die
Versicherungsjahre  bis  10  inch  ist  nämlich  die  Sterblichkeit
um  so  günstiger,  je  höher  die  Summenklasse,  vom  11.  Versicherungsjahre ­
  ab  wird  dagegen  die  Sterblichkeit  der  mittleren

Summenklasse  die  günstigste,  während  das  Verhältniss  zwischen
der  niedrigsten  und  höchsten  Summenklasse  mehrfach  schwankt.

Tabelle  8.
Abgang  unter  den  männlichen  Versicherten
der  20  englischen  Gesellschaften,  in  verschiedenen
Perioden  der  Versicherung.

Ver  sicher.  -
Jahr

Es  standen
unter  Kisico
Personen

Es  gingen
ah

°/o  des
Abgangs

o
i—2
3—5
6—9
10—14
15—19
20—24
25—29
30  u.  darüber

63  666,0
223  108,0
252  410,0
240  667,5
188  509
106  807,5
5 8  85i
29479
21  302,5

1  693
13  461
8  703
5  835
2  595
997
417
160
81

2,66
6,03
3  »
2,42
1,38
0,93
0,71
0,5  4
0,38

(Tab.  9  siehe  Seite  83.

In  der  Tabelle  8  ist  der  gesammte  Abgang  (der  Männer)
der  20  englischen  Gesellschaften  enthalten,  in  den  Tabellen  9
und  10  der  gesammte  Abgang  bei  Gotha  »Männer  überhaupt«,
sowie  der  gesammte  wirkliche  Abgang  in  den  einzelnen  Summenklassen ­
  (d.  h  derjenige  Abgang,  welcher  nicht  durch  einen
bl  osen  Summenübergang,  sondern  durch  ein  wirkliches  Ausscheiden ­
  von  der  Bank  veranlasst  wurde).  In  der  Tabelle  9
ist  für  die  »Männer  überhaupt«  überdies  (in  Klammern)  die  Zahl
derjenigen  Abgangsfälle  angegeben,  welche  durch  einfachen
Ablauf  abgekürzter  Versicherungen  entstanden.  Zieht  man
diese  von  dem  gesammten  Abgang  ab,  so  erhält  man  also
denjenigen  Abgang,  welcher  ausschliesslich  in  Folge  Aufgabe ­
  laufender  Versicherungen  oder  wegen  Ablaufs  der
kurzen,  nur  in  den  ersten  Geschäftsjahren  der  Bank  in
!  grösserer  Zahl  abgeschlossenen  Versicherungen  stattfand.  Bezüglich ­
  der  »Personen  unter  Risico«  ist  zu  bemerken,  dass  dieselben ­
  für  die  »  20  engl.  Ges.  «  und  »  Männer  überhaupt«
durch  Abzug  der  Hälfte  der  Gestorbenen  von  den  Lebenden
zu  Anfang  des  Jahres  in  den  entsprechenden  Altersklassen,
für  die  einzelnen  Summenklassen  dagegen  durch  Hinzufügung
des  hälftigen  Zugangs  wegen  Uebergang  zu  jenen  Lebenden  und
darauf  folgenden  Abzug  der  hälftigen  Anzahl  der  Gestorbenen
und  des  hälftigen  Abgangs  wegen  Uebergang  ermittelt  worden
sind,  so  dass  man  unter  dem  »Procentsatz  des  Abgangs«  durchgängig ­
  denjenigen  zu  verstehen  hat,  welcher  unabhängig  von
der  Sterblichkeit  stattfand,  oder  welcher  sich  direct  ergeben
hätte,  wenn  die  im  Laufe  des  Jahres  Gestorbenen  stets  durch
Neuhinzugetretene  ersetzt  worden  wären.*)
Einen  weiteren  Aufschluss  über  die  Sterblichkeit  nach  der
Versicherungsdauer  erhält  man,  wie  bei  Mittheilung  der  Sprague’-schen
  Resultate  schon  angedeutet  worden,  wenn  man  die  wahrscheinlichen ­
  und  wirklichen  Sterbefälle  nicht  blos  nach  Versicherungsperioden, ­
  sondern  gleichzeitig  nach  den  letzteren  und
nach  Altersklassen  gruppirt,  wobei  freilich  zu  berücksichtigen
ist,  dass  mit  der  weiteren  Spaltung  des  Materials  auch  die
Sicherheit  der  Ergebnisse  eine  geringere  wird.  Es  möge  deshalb ­
  noch  die  folgende  nach  den  eben  angedeuteten  Gesichts-*)

  Wir  halten  diese  Berechnungsweise  des  Abgangsprocentsatzes
resp.  der  zugehörigen  Personen  unter  Kisico  selbst  für  die  zweckmäßigste,
sind  aber  darin  auch  dem  Vorgänge  Kings  gefolgt,  nach  dessen  Angaben
die  erste  Tabelle  construirt  ist.  (Vergl.  Kings  Abhandlung  ;  Journal  etc.
Vol.  XIX,  pag.  395.)
            
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