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V. Theil. Statistik der Sterblichkeitsverhältnisse.
ab tritt aber nach einem anfänglichen Gleichgewicht zwischen
der höchsten und mittleren Summenklasse, die letztere als die
günstigere hervor und vom 76. Lebensjahre ab wird es sogar
zweifelhaft — die Procentsätze zeigen von hier ab mehrere
Schwankungen, welche zum Theil wohl auf den geringeren
Umfang der Beobachtungszahlen zurückzuführen sind —, ob
man nicht die niedrigste Klasse als die günstigste oder wenig
stens nächstgünstigste (nach der höchsten) ansehen soll. Diese
Resultate sind um so auffälliger, als bei einer Zusammen
fassung der Beobachtungszahlen sämmtlicher Versicherungs
jahre , wie es in der obigen Tabelle der Fall ist, die Sterb
lichkeit der niederen Klassen in Folge des beträchtlichen Ueber-
ganges guter Risicen aus diesen in die höheren Summenklassen
(vergl. die bezügliche Bemerkung in der Einleitung S. 50)
von selbst, d. h. unter sonst gleichen Umständen, etwas un
günstiger erscheinen muss, als die der letzteren, die Differenzen
zu Gunsten der höheren Klassen also zum Theil auch auf
diesen Umstand zurückzuführen sind, und weil sich ferner an
nehmen lässt, dass die ärztliche Auswahl präsumtiv doch in
den höheren Klassen, wo die Untersuchten selbst über ihren
Gesundheitszustand dem examinirenden Arzte die eingehendste
Auskunft zu geben in der Lage sind, weil sie auch wegen
unwesentlicher Beschwerden ärztliche Hülfe in Anspruch zu
nehmen pflegen, glücklicher gewesen ist, so dass auch durch
diese Ursache die Differenzen zu Gunsten der höheren Klassen
nur verschärft sein können. Indessen beruht, wie man bei
näherer Ueberlegung finden wird, jene allgemeine Annahme
über den Einfluss der wirthschaftlichen Lage wohl auch nur
auf einer mangelhaften Abwägung derjenigen Einflüsse, welche
sich in Wirklichkeit in Bezug auf Gesundheit und Sterblichkeit
in den verschiedenen wirthschaftlichen Lagen geltend machen,
oder vielmehr auf einer Verallgemeinerung jener Resultate der
allgemeinen biologischen Statistik, welche aus der Beobachtung
der wirklich armen Bevölkerung im Vergleiche zu der wohl
habenden oder bestsituirten hervorgegangen sind. Berücksich
tigt man, dass in den unteren Ständen Nahrungssorgen, Ent
behrungen, Vernachlässigungen in der Pflege in Krankheits
fällen zwar häufiger Vorkommen, als in der mittleren und
höheren, dass aber dafür in diesen auch eine weniger natur-
gemäse Lebensweise vorherrscht, dass in dem Kaufmannsstande
und in den academischen Ständen, welche ein ziemliches Con
tingent zu den Versicherten der mittleren und der höchsten
Summenklasse stellen, Nervenaufregungen und geistige Ueber-
anstrengungen, welche bekanntermaasen sehr verderblich auf
den Organismus einwirken, nicht selten sind, sowie dass es
noch eine Reihe anderer Momente geben wird, welche die
Sterblichkeit in den verschiedenen Ständen in verschiedener,
theils günstiger, tlieils ungünstiger Weise beeinflussen, so kann
es eigentlich nur wenig befremden, wenn wir in den obigen
Summenbeobachtimgen — bei welchen naturgemäs die eigent
lich dürftige Bevölkerung, d. h. diejenige, welche ein geregeltes
wirthschaftliches Leben zu führen nicht im Stande ist, gar
nicht vertreten ist — die Sterblichkeit theil weise in einer ganz
anderen Weise, als nach der Versicherungssumme, abgestuft
finden und noch weniger, dass die höchste Summenklasse
gegenüber der mittleren und diese gegenüber der niederen
mit dem vorrückenden Alter ungünstiger wird. Denn die den
höheren und theil weise auch den mittleren Klassen eigenthüm-
liclien üblen Lebensgewohnheiten wirken bekanntlich erst in den
späteren Lebensjahren, erst in diesen treten die Folgen der
selben in Gestalt der mannigfachsten chronischen Krankheiten
hervor. Die Resultate unserer obigen Tabelle gewinnen bei
näherer Betrachtung also sehr an innerer Wahrscheinlichkeit.
Uebrigens darf nicht unerwähnt bleiben, dass bei einer an
nähernd gleichen ärztlichen Auswahl in den verschiedenen
Summenklassen die anfänglich günstigere Sterblichkeit der
höheren Klassen von selbst eine kleine Mehrsterblichkeit in
den höheren Lebensjahren bedingen könnte, indem der anfäng
liche Gewinn in der Sterblichkeit, wenn wir uns so ausdrücken
dürfen, hauptsächlich solche Personen treffen wird, welche von
Haus aus von schwacher Constitution oder mit gewissen
Krankheitsanlagen behaftet, nur deshalb am Leben blieben,
weil ihre wirtschaftliche Lage ihnen eine grössere Schonung
der Lebenskräfte und bessere Pflege gestattete, so dass sich
in der höheren Klasse gegenüber der niederen nach und nach
eine Anzahl schlechter Risicen ansammeln muss, deren nur
für kürzere Zeit suspendirte Sterblichkeit anfänglich schwach,
dann aber immer stärker in der allgemeinen durchschnitt
lichen mitzuzählen beginnt. Vielleicht ist die ungünstigere
Sterblichkeit der mittleren Summenklasse vom 75. Lebens
jahre ab ausschliesslich auf diese Rückwirkung der anfäng
lichen Mindersterblichkeit zurückzuführen, und ebenso ein ge
wisser Theil der späteren ungünstigeren Sterblichkeit der höch
sten Summenklasse, obwohl die Rückwirkung im Allgemeinen
nur dann bemerkbar sein wird, wenn die anfängliche Minder
sterblichkeit eine sehr starke war oder während einer langen
Reihe von Jahren andauerte.
Um den Einfluss der öconomischen Verhältnisse auf die
Sterblichkeit genauer zu erforschen, wurde noch eine zweite
Tabelle der Sterblichkeitprocentsätze construirt, in welcher die
von der ärztlichen Auswahl am meisten beeinflussten Beobach
tungen der 10 ersten Versicherungsjahre gänzlich ausgeschlossen
sind. Da in den einzelnen Summenklassen die Versicherungs
dauer vom Zeitpunkte des Eintritts in dieselben, die Versiche
rungsdauer der »Männer überhaupt« dagegen von dem Zeit
punkte des Beitritts zur Bank gerechnet wird, so müsste der
Vergleich hier eigentlich auf die Summenklassen allein beschränkt
werden, doch haben wir, da der Einfluss der anderen Berech
nungsweise der Versicherungsdauer, practisch genommen, nur
ein geringer sein wird — er muss die Resultate der »Männer
überhaupt« ein wenig günstiger erscheinen lassen — auch
eine Columne für die »Männer überhaupt« beigefügt. An
fremden Listen sind hier die ziemlich umfangreichen Beobach
tungen von Be hm, welche sich auf Eisenbahnbeamte beziehen,
und in den Jahren 1868 bis 1873 angestellt worden sind (Behm,
Statistik der Mortalitäts-, Invaliditäts- und Morbilitätsverhältnisse
bei dem Beamtenpersonal der deutschen Eisenbahnverwaltung,
Berlin 1876) sowie die Beobachtungen der Heym’schen Sterblich
keitstafel herangezogen. Die Sterblichkeitsprocentsätze für Behm
sind unter Zugrundelegung der »Lebenden unter Risico«, welche
sich nach Tabelle XXXI für die niedrigste Klasse und bei Aus
schluss der ersten 10 Versicherungsjahre ergeben, die für Heyrn
— aus einem Grund, der aus dem nächsten Kapitel ersichtlich
sein wird — nach den entsprechenden »Lebenden unter Risico«
der höchsten Summenklasse berechnet, können aber ohne Wei
teres mit einander und mit jedem der übrigen Procentsätze
verglichen werden, da die Durchschnittsalter für sämmtliche-
Gruppen entweder dieselben sind, oder nahe übereinstimmen.
(Siehe Seite 73.)
Die Procentsätze der drei Summenklassen zeigen hier,
abgesehen von manchen auffälligen Schwankungen, die jeden
falls dem beschränkteren Umfang der Beobachtungszahlen zu
zuschreiben sind, ganz ähnliche Verhältnisse zu einander, wie
die früheren der Tabelle 1, bestätigen also lediglich die mit
Bezug auf den Einfluss der wirthschaftlichen Lage auf die
Sterblichkeit bereits gezogenen Schlüsse. Fasst man die ge
wonnenen Procentsätze der Tabelle 1 und der Tabelle 2 in
15 jährige Mittel zusammen oder wendet für solche grössere
Altersgruppen das in Kapitel I auseinandergesetzte genauere