Object: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 2)

"43 
Das ländliche Proletariat 
Die ökonomischen Verhältnisse haben sich in den Ver- 
einigten Staaten mit solcher Geschwindigkeit bewegt, daß 
es jetzt ein großes und deutlich erkennbares ländliches Pro- 
letariat gibt, das im Begriffe ist, sich in Mitgefühl und in 
den Zielen mit dem gewerblichen Proletariat der Städte 
rasch zu verbünden. Wohl hat es immer eine große länd- 
liche Arbeiterbevölkerung gegeben — eine Bevölkerung 
ländlicher Lohnempfänger, die sich von vielleicht einer 
Million im Jahre 1820 auf ungefähr 5 Millionen oder weniger 
im Jahre 1910 vermehrt hat. Aber bis in die neueste Zeit 
hinein stand sie abseits von dem gewerblichen Proletariat, 
da sie glaubte, daß sie mit den Arbeitern in Fabriken, Berg- 
werken, Werkstätten oder an Eisenbahnen nichts gemein 
habe. Bis vor zwei Jahrzehnten glaubten viele der Land- 
arbeiter — wenn man sie als Ganzes betrachtet und die 
2 Millionen Neger unter ihnen ausnimmt — aufrichtig, daß 
es in den Vereinigten Staaten außerordentlich günstige 
Gelegenheiten zum selbständigen Vorwärtskommen gäbe. 
Jahrelang waren von allen Seiten glühende Zeitungsartikel 
und politische Reden erschienen, die die unbegrenzten gün- 
stigen Gelegenheiten beschrieben: wie im Westen und Süd- 
westen viele Strecken öffentlichen Gebietes lägen, die auf 
Ansiedlung warteten, und wie dieses Land frei in Besitz 
genommen oder mit sehr geringen Kosten erworben werden 
könne. Den ländlichen Elementen wurde das Ideal vor- 
gehalten, daß jeder Mann, der es wünscht, seine eigne Farm 
haben könne. Horace Greeleys Ausspruch: „Gehe nach 
dem Westen, junger Mann“, war ein bündiger Ausdruck 
dieses allgemein herrschenden Glaubens. Und dieser Glaube 
lebte noch lange als Tradition fort, obgleich eine Anzahl 
volkswirtschaftlicher Veränderungen zusammen wirkten, um 
ihn wertlos zu machen. Große Scharen von eingeborenen 
und eingewanderten Farmern und Landarbeitern wanderten 
tatsächlich nach den westlichen Staaten. In der Regel fan- 
den sie, daß ungeheure Flächen des besten und am leich- 
testen zugänglichen Landes schon von Eisenbahn- und 
andern Gesellschaften erworben worden waren, die es auf
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.