fullscreen: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

— 313 
schützt werden muss wie materielles Eigentum, weil ein Missbrauch 
sonst nicht verhütet werden kann. ; 
Es ist eine weitverbreitete Auffassung, dass eine Erfindung ohne 
Mühe und Opfer gewonnen wird und infolgedessen auch keiner Ent- 
schädigung bedarf, Dies ist ein grosser Irrtum. Wohl kommt dem 
Erfinder mitunter eine Idee plötzlich, er wird zufällig auf einen Zu- 
sammenhang aufmerksam, der bis dahin nicht beachtet war. Aber die 
Uebertragung der Idee in die Wirklichkeit, die Durchführung, so dass 
sie praktisch verwertbar ist, erfordert im allgemeinen unendliche Arbeit 
und grosse Geldopfer. Mannesmann hatte die Idee der Röhrenfabri- 
kation aus einem Stück zwei Dezennien mit sich herumgetragen und 
dahingehende Versuche gemacht, erst seinen Söhnen gelang es wirklich, 
Röhren nach seiner Idee herzustellen und im Grossen zu verwerten, 
Der Erfinder der Nähmaschine, Howe, hat sein halbes Leben dazu ver- 
wenden müssen, um den Gedanken zu realisieren. Der Erfinder der 
Schreibmaschine Remington machte Bankrott, und erst seine Nachfolger 
haben von seiner Erfindung einen Vorteil gehabt. Schon in den sieb- 
ziger Jahren wurde von Baeyer künstlich Indigo hergestellt, aber erst 
Ende der neunziger Jahre, nachdem in einer grossen Zahl von Fabriken 
beständig nach der gleichen Richtung experimentiert worden war, ist es 
gelungen, den Indigo künstlich im Grossen so billig herzustellen, dass er 
die Konkurrenz mit dem natürlichen aufzunehmen vermag. Eine Un- 
zahl Menschen geht fortdauernd daran zu Grunde, dass sie sich ver- 
gebens bemühen, einen neuen, richtigen und bedeutsamen Gedanken zu 
einer praktischen Erfindung auszubauen; und fortdauernd werden sehr 
bedeutende Kapitalien demselben Streben geopfert. Diese Bestrebungen 
zu unterstützen, dem Gelingen den Lohn zu garantieren, ist die Auf- 
gabe der Patentierung. Sie ist nötig, weil ohne einen besonderen 
Schutz das Eigentum und damit jener Lohn dem Erfinder entzogen 
werden kann. 
Eine neu erfundene Maschine kann von jedem Fachmann ohne Leichtigkeit 
Schwierigkeit nachgebaut werden, wenn sie dem Publikum übergeben der Ent- 
ist, und dieser kann sich mit dem ortsüblichen Gewinne begnügen Ziehung des 
: s . we . L rfinderlohns. 
und die Maschine dann zu einem mässigen Preise absetzen, der ihm 
die Herstellungskosten plus dem gewöhnlichen Gewinne liefert. Nie- 
mand hat ein Interesse, dann die Maschine zu einem höheren Preise 
von dem Erfinder selbst zu beziehen, der dadurch gezwungen wird, 
sich mit demselben Gewinn zu begnügen, wie seine Nachahmer. Ein 
darüber hinausgehender Preis, der ihn für die Mühe und Arbeit ent- 
schädigt, die er aufwendete um seine Erfindung zur Durchführung zu 
bringen, ein Erfinderlohn wird ihm dann nicht gewährt. Und doch 
handelt es sich um ein geistiges Produkt, an dem ihm ein Kigentums- 
recht zusteht. Die Bessemersche Methode der Stahlerzeugung hat der 
ganzen Kulturwelt einen sehr bedeutenden, nachhaltigen Nutzen ge- 
bracht. Auch sie ist das Ergebnis jahrelanger Studien und Experimente 
yewesen, aber in allen grossen Maschinenbauanstalten hätte man nach 
Bekanntwerden derselben danach Stahl hergestellt ohne den Erfinder 
irgend zu berücksichtigen, wäre nicht durch Patentierung für eine 
Reihe von Jahren ihm allein diese Anwendung der Methode vorbehalten 
worden. So konnte er selbst den von ihm hergestellten Stahl zunächst 
zu einem höheren Preise verkaufen, als er seinen Herstellungskosten
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.