Die organisatorische Auswahl.
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nigen Grund der Ablehnung, da dem Zeugnis nur begrenzter Wert für die Beurtei
lung der späteren Berufstauglichkeit zuzumessen ist 1 .
Daraus ergibt sich zwangsläufig der Wunsch nach weiteren Auslesemitteln, als welche be
sonders die Einreichung von Fragebogen und Lebensläufen üblich ist. Allgemein enthalten sie
Angaben über Familienstand, Erziehung, berufliche und soziale Lage, Neigungen und Betriebs
beziehungen; werden sie verbunden mit einer persönlichen Fühlungnahme, so ist ein relativ
weitgehendes Eingehen in die Lebens- und Befähigungsverhältnisse denkbar. Bei der Auswahl
von angelernten und Facharbeitern tritt die Vorauslese auf Grund der Schulzeugnisse natur
gemäß zurück; sie wird ersetzt durch Arbeitszeugnisse, Auskünfte, Bekanntschaften, Beziehun
gen und Befürwortungen. Die Heranziehung selbst erfolgt, wie schon bemerkt,—sofern nicht
genügend Bewerbungen vorliegen — auf dem Wege der Werbung, zumeist durch Zeitungs
oder Zeitschriftenanzeigen oder sonstige Bekanntmachungen. Je nach den gesuchten Fähig
keiten ist auch eine Auswahl des Blattes notwendig; hochstehende und bestleistungsfähige
Personen werden durch die große Tages-, Handels- und Fachpresse herangezogen, unter Um
ständen, sofern sie bekannt sind, auch unmittelbar oder mittelbar zur Angabe eines Angebots
aufgefordert; für Durohschnittsposten dagegen sind örtliche Blätter und solche der großen
Angestellten- und Arbeiterverbände oder Stellennachweise und Berufsberatungsämter ge
eigneter.
Besondere Kenntnisse im eigenen Geschäftszweig sind durchaus nicht immer erheblich; in
Amerika ist es üblich, beispielsweise die Bankangestellten für die verschiedenen Abteilungen
aus ähnlichen, aber möglichst intensiveren Betrieben auszuwählen, zum Beispiel für die
Akkreditivabteilung aus dem Speditionsgewerbe (Dokumente!), für den Postein- und -ausgang
aus der Postverwaltung, für das Effektenbüro von der Börse, für die statistische Abteilung
aus Eisenbahnverkehrsbüros, für die Kreditabteilung aus Auskunfteien, während für besondere
Spraohkenntnisse die Universitäten bevorzugt werden 1 2 .
Ähnlich wird auch die Vorauslese der Materialien gehandhaht. Durch
Schaffung eines Bezugsquellenverzeichnisses wird eine erste Auswahl getroffen,
die stetig ergänzt und überprüft wird an Hand von Preis- undWarenverzeichnis-
sen sowie Veröffentlichungen in Fach- und Handelszeitungen. Einmalige und
regelmäßige Nachfragen füllen die Unterlagen auf, ständige Vergleiche mit frühe
ren Lieferungen und Gegenüberstellungen gleichartiger Erzeugnisse sichten und
sondern weiter aus. Die allgemeinen Normen bilden hier eine wertvolle Unter
stützung.
Bei der Auswahl der Kunden, die nach der Art des Erzeugnisses oder der
Dienstleistung besonders unterschiedlich ist, kennzeichnet sich die Vorauslese
am schärfsten als positive Auswahl durch die Werbung; diese ist jedoch bestimmt
durch die Bedingungen des Marktes: für Massenerzeugnisse muß sie anders sein
als für einzelne Stücke, für Verbrauchsgüter anders als für Produktionsmittel, im
Kleinverkauf anders als bei Absatz im großen, für Kreditgeschäfte anders als für
Barverkäufe. Ein eindrucksvolles organisatorisches Merkmal der positiven Aus
wahl des Kunden ist die Marke, die sich 1— unter gesetzlichem Schutz — mehr
und mehr durchsetzt und durch ihre Neigung zur weitgehenden Wandlung des
Marktes ein unmittelbarer Organisationsfaktor geworden ist 3 .
Die Wahl der zu bearbeitenden Personenkreise und der einzelnen Hilfsmittel und Verfahren
ist wesentlich nicht nur für den Werbeerfolg selbst, sondern auch für den organisatorischen
Aufbau des Wirtschaftsbetriebes. Neben der fortlaufenden Werbearbeit werden von Zeit zu
Zeit Werbefeldzüge veranstaltet, die als geschlossene Angriffe auf einzelne Orte oder Ortsteile
gelten oder auch für die Gemütsbewegungen aller erfaßten Personen wirken sollen. Da das
Verhalten des einzelnen in bezug auf die Werbeverfahren verschieden ist — nach Alter, Ge
schlecht, Charakter, Gemütszustand, Körperverfassung, Tages- und Jahreszeit u. a. —, außer
dem auch die Beizwirkung der einzelnen Werbemittel —■ Anzeige, Anschlag, Schaufenster,
1 Sehr eingehende rechnerische Kontrollen des Instituts für Jugendkunde, Bremen, die
allerdings hinsichtlich der Kontrollmethoden niemals voll befriedigen können, ergaben im
Durchschnitt etwa 49% Übereinstimmung zwischen Schul- und Berufsfähigkeiten. Siehe
RKW-Veröff. Nr. 87, S. 213 u. 243.
2 Klingel: S. 18.
3 Siehe z. B. Brüggl: Der Einfluß des Markenartikels auf die Funktionen des Handels. —
Bergler: Der Markenartikel.