212
Die Krankheit des Vaters zwang zur Heimreise. Dort in Ruß
land war Sonja bald mit sich selbst im klaren. Von dort aus schrieb
sie ihre Antwort an Lassalle.
Sonjas „Nein"
Edler und werter Freund!
Sie können nicht glauben, was ich alles gelitten habe
in diesen zwei Monaten, während der Kampf in mir
tobte, und was ich noch jetzt leide, indem ich Ihnen
selbst auch eine peinliche Empfindung verursache, denn
ich muß Ihnen sagen „Nein".
Mein Herz füllt sich mit Tränen bei diesem Wort,
aber wie kann ich anders handeln? Ich habe so lange
gezögert, Ihnen diese entscheidende Antwort zu geben,
weil ich «lein Herz völlig ergründen und ganz sicher
sein wollte, daß meine Zuneigung zu Ihnen nur be
gründet sei in der wahrsten und begeistertsten Bewun
derung und Achtung, welche Sie allen denen einflößen,
die Sie kennen. Ich versichere Sie, Lassalle, daß wenn
ich mich nur von meiner Vernunft leiten ließe, ich
nicht einen Augenblick zögern würde. Sie zu heiraten;
aber was kann ich mit diesem Herzen tun, das zwar
unbezähmbar, aber doch Herr meines Lebens und
aller meiner Handlungen ist? Ich versichere Sie,
daß ich hierbei mehr an Ihr Glück denke als an das
meinige.
Nur eins verlange ich von Ihnen: sagen Sie mir,
daß Sie die Freundschaft annehmen, die ich Ihnen an
biete, und die ich bewahren werde, solange ich lebe. Es
wäre zu peinlich für mich, Sie nicht immer als meinen