thumbs: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

290 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel. 
Durch das 14. und teilweis 15. Jahrhundert, die Periode 
der bürgerlichen Kultur, wird das Zeitalter eingeleitet, da der 
naturalistische Umriß erreicht ward, wo in diesem wichtigsten 
Punkte das menschliche Auge die Natur beherrschen lernte, indem 
sie ihr genauestes Verständnis erwarb: denn Kenntnis und Be— 
herrschung der Natur bedingen sich gegenseitig. Es war der 
Anfang des eigentlichen, schon halb modernen malerischen Ver— 
ständnisses. 
Jedoch die volle Herrschaft, eine gleichsam persönliche Ge— 
walt über den Umriß erlangte die deutsche Entwicklung doch erst 
mit der Periode der großen Malerei seit dem dritten Jahrzehnt 
des 15. Jahrhunderts. Nun wird der Umriß aus der genauesten 
naturalistischen Kenntnis seines Wesens heraus allmählich be— 
wußt stilisiert: d. h. er wird idealisiert; und aus dem engsten 
Kleben am Thatsächlichen der Einzelerscheinung erhebt sich die 
Kunst eines Dürer und Holbein zur Forderung der idealischen 
Zeichnung der Außenwelt, der idealischen Wiedergabe nament⸗ 
lich der Umrisse des menschlichen Körpers. 
Inzwischen aber war auch die Farbe längst in die Ent— 
wicklung der Malerei eingetreten. 
Bis ins 11. Jahrhundert hinein, bis zum Schluß der 
typischen Periode des Umrisses, war die Farbe ein malerisch 
indifferentes Element. Nicht als ob man keine Freude an der 
Farbe gehabt hätte; das Wachsen der Teilnahme namentlich am 
farbig Glänzenden läßt sich vielmehr an der Mehrung der 
sprachlichen Bezeichnungen dafür sehr wohl verfolgen; und die 
karlingische Zeit verfügte schon über einen besonderen Geschmack 
für das Nebeneinander der Farben im bemalten Ornament. 
Was aber fehlte, das war die Verbindung der Farbenempfind⸗ 
lichkeit mit dem Sinn für die den Gegenständen specifisch 
eignende Färbung, also für unmittelbare künstlerische Wieder— 
gabe der farbigen Außenwelt: noch der St. Gallener Psalter 
aus dem Ende des 9. Jahrhunderts und manches spätere 
Aunstwerk enthält rote, grüne, gelbe Pferde. 
Dieser Sinn ward in der folgenden Periode, die etwa mit 
den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts abschloß, gewonnen.
	        
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