„Die transscendentale Methode“ und die Geschichte, 15
System Kants ist uns nicht sowohl das Ende, als ein dauernd
neuer und fruchtbarer Anfang der Kritik der Erkenntnis. Aber
indem wir unsere historische Betrachtung bis zu ihm hinführen,
suchen wir damit zugleich ein Mittel zu seinem sachlichen Ver-
ständnis zu gewinnen. Weit enger, als die bisherigen Darstel-
lungen der Entwicklung der kritischen Philosophie es erkennen
{assen, ist diese in ihrer Entstehung mit der Wissenschaft des
achtzehnten Jahrhunderts verflochten und verschwistert. Ueber-
all blickt die allgemeine Theorie hier auf die bestimmte konkrete
Problemlage hin, die durch die methodischen Kämpfe zwischen
Leibniz und Newton und ihren Nachklang in den bedeutendsten
Forschern der Zeit, wie Euler und d’Alembert, geschaffen
war. Wenn in diesem Zusammenhang das kritische System die
Wurzel seiner Kraft besitzt, so enthüllt sich in ihm doch zugleich
auch seine notwendige innere Bindung. Je deutlicher wir zu
unterscheiden vermögen, in welchen begrifflichen Formulierun“
gen der Vernunftkritik die wissenschaftliche Kultur der Zeit zum
Ausdruck und zum Bewusstsein ihrer selbst gelangt, um so klarer
werden sich uns die allgemein giltigen Züge der Methodik Kants
aus den Besonderheiten der Ausführung herausheben. Eben in-
lem wir an dem Grundgedanken der Methode festhalten, suchen
wir damit für die spezielle Ableitung und Begründung der Prin-
zipien freies Feld zu erhalten. Die „transscendentale Kritik“ bliebe
zur Unfruchtbarkeit verurteilt, wenn €s ihr versagt wäre, dem
Fortschritt der wissenschaftlichen Grundbegriffe selbsttätig zu
folgen und ihn in ihren speziellen Ergebnissen und Definitionen
zum Ausdruck zu bringen. Je vielseitiger und beweglicher sie
sich in dieser Hinsicht erhält, um So reiner wird sich die Uni-
versalität und die systematische Einheit ihrer Fragestellung
erweisen.
Hier freilich stehen wir an einem Punkt, an dem noch heute
die Absicht Kants, wie die der modernen Vertreter der kritischen
Methode, am häufigsten und beharrlichsten missverstanden wird.
Immer wieder erhebt sich der Vorwurf, dass die transscendentale
Kritik, indem sie von dem Faktum der Newtonischen Wissen-
schaft ausgeht, damit den geschichtlichen Prozess gleichsam zum
Stehen bringe und eine einzelne Phase der „Erfahrung“ zum all-
vemeinen Maassstab ihres Gehalts und inneren Wertes mache. Die