V.
DIE HANSE UND DIE NORDISCHEN LÄNDER
Der Vorstoß des deutschen Kaufmanns in die Ostsee, der in der Gründung
Lübecks seinen ersten Ausdruck fand, erfolgte in ausgesprochener West-
ostrichtung. Das lag einmal schon an der engen Verbindung des späteren
hansischen Bundes mit der großen deutschen Kolonisationsbewegung. Vom
deutschen Westen her, von Flandern anfangend, führte diese Bewegung von
aJementarer Wucht deutsches Volkstum — Bauern, Ritter, Mönche, aber
auch den städtegründenden Bürger — hinüber über Elbe und Saale, und
gewann alles heutige deutsche Land östlich der Elbe-Saale-Linie in friedlicher
überlegener Kulturarbeit dem deutschen Volksboden. Sodann war aber diese
Westostrichtung tief in den rein kaufmännischen Gesichtspunkten be-
gründet, unter denen der Vorstoß in die Ostsee sich vollzog.
Denn sein ausgesprochener Zielpunkt war im fernsten Osten des damaligen
Europas gelegen: Nowgorod und sein Pelzreichtum, sodann die Düna und ihr
Hinterland. Mit aller Deutlichkeit ergibt sich das aus der Zeitfolge der
Gründungen der deutschen Städte im Ostseebecken: erst Lübeck, dann das
als Stadtanlage deutsche Wisby auf Gotland, dann Riga als erste der
baltischen Städte, später erst der Ausbau weiterer deutscher Städte am Süd-
ufer der Ostsee; das ergibt sich ferner mit aller Deutlichkeit aus der bekannten
Tatsache, daß späterhin die Linie Nowgorod—Lübeck—Hamburg—Brügge
als das eigentliche Rückgrat des hansischen Wirtschaftssystems zu gelten hat.
Trotz dieser Westostrichtung sind von Anfang an, im guten wie im bösen,
die Beziehungen zum Norden für das hansische Wirtschaftssystem von großer,
ja entscheidender Bedeutung gewesen.
Der Schauplatz der hansischen Schiffahrt war in der Hauptsache Ost- und
Nordsee, oder wie der Hanse von seinem Standpunkt aus mit vollem Recht
sagte: Ostsee und Westsee. Daß aber die Nordküsten Deutschlands von zwei
verschiedenen Meeren bespült werden, das liegt an der geographischen Lage
der jütischen Halbinsel und des südöstlichen Teiles von Schweden. Diese
naturgegebene Tatsache hat seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die
räumliche Unterlage abgegeben zu dem märchenhaft schnellen Aufstieg
Lübecks als Vermittlerin des Ostwestverkehrs; dieselbe Tatsache hat aber
zugleich späterhin im Zusammenhang mit wirtschaftlichen, mehr noch aber
politischen Verschiebungen den Niedergang des von und über Lübeck aus-
zegangenen wirtschaftspolitischen Werkes, des Hansebundes, bedingt.
Die ganz verschiedenen Auswirkungen, die aus der Lage des Landkom-
plexes zwischen Ost- und Nordsee erwachsen sind, mögen vor einer Über-
Schätzung der geographischen Grundlagen des geschichtlichen Geschehens