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Eisenbahnen: Die Lokomotive.
Z mm Dicke genommen. Eine so geringe Wandstärke ist zulässig, weil man den Durch
messer der Röhren klein (40 bis 55 mm) wählt. Aus diesem Grunde können auch recht
viele der engen Röhren in einem Kessel untergebracht werden, wodurch die wasserbespülte
Heizrohrfläche größer ausfällt, als wenn wenige Röhren von größerer Weite eingebaut
würden. Unsere heutigen Lokomotiven enthalten 180 bis 250 Heizröhren von 3^/gbis4>/g,
zuweilen auch 5 m Länge. In besonders starken Lokomotiven steigt ihre Zahl sogar auf 400
und mehr. Die durch die Heizröhren gegebene Heizfläche nennt man die indirekte, die
jenige der Feuerbüchse die direkte und die Summe beider die Gesamtheizfläche. Diese
betrug bei dem im Jahre 1829 siegreichen „Rocket" (25 Heizröhren!) nur 12,8 gm, bei
unseren heutigen großen Lokomotiven schwankt sie zwischen 100 und 175 gm und beträgt
bei den neuen ^-Lokomotiven der Arlbergbahn 250 gm, bei einer Anzahl amerikanischer
Lokomotiven 300 gm und mehr. Man sieht, die Lokomotive ist in 70 Jahren gewaltig
gewachsen. Dieses veranschaulicht auch so recht Abb. 175, auf der eine Fabrik-Tender
lokomotive von 5675 kg Gewicht dargestellt ist, wie sie bequem Platz findet auf dem
8135 kg schweren Gußstücke der beiden Dampfcyliuder einer neueren amerikanischen
Riesenlokomotive. „Rocket" wog nur 4572 kg.
Wegen des hohen Dampfdruckes muß der Kessel sehr kräftig gebaut werden. Der Lang
kessel hat Walzenform, ist daher in sich steif, wenn nur die Blechstärke genügend groß ist.
Der Hinterkessel dagegen zeigt, abgesehen
von seiner äußeren Decke, ebene Wände. Diese
würden aber unter der Wirkung des Dampf
druckes ihre Form verlieren, sich ausbauchen und
aufreißen, zumal in der kupfernen Feuerbüchse.
Man muß sie deshalb aussteifen und schraubt
zu dem Zwecke nach Abb. 176 in etwa je 10 cm
Abstand kupferne „Stehbolzen" in die Kupser-
und Eisenwände, so daß nur noch kleine freie
Flächen von ungefähr 10 qcm Größe dem
Dampfdrücke ausgesetzt sind. Der Hinterkessel
enthält einige Hundert dieser Stehbolzen, der
Riesenkessel der Abb. 173 sogar gegen 1100.
Ebenso wird die flache Decke der inneren Feuer
büchse entweder durch sogenannte Deckenbarren
oder häufiger durch eiserne Schraubenbolzen
hier Deckenanker genannt — gegen die äußere
gewölbte Eisendecke wirksam versteift, was auch mit allen sonstigen schwachen Stellen, sei es
durch Anker, sei es durch besondere Blechkonstruktionen, geschieht (Abb. 165 bis 167).
Da infolge der Wärmewirkung beim Anheizen bezw. Erkalten der Lokomotive die kupferne
Feuerbüchse sich etwas gegen die Eisenhülle verschiebt, so erleiden die Stehbolzen starke
Biegungsspannnngen, infolge deren sie an einzelnen Stellen im Laufe der Zeit brechen und
zwar nahe der Blechwand. Da dieses aber für die Sicherheit des Kessels höchst nachteilig ist,
so gibt man durch Anbohren der beiden Bolzenenden (Abb. 176) dem Führer ein Mittel an
die Hand, solche Brüche sofort erkennen zu können. Es wird nämlich das Kesselwasser im
Falle eines Bruches durch den inneren Druck als kleiner, aber kräftiger Strahl durch die
Bohrung nach außen oder in das Feuerbüchsinnere getrieben. Derartige Bohrungen werden
baldigst verkeilt und die schadhaften Bolzen in der Werkstatt ausgewechselt.
176. Ktehbslzen.
Die vorgenannte Wärmewirkung beeinflußt auch in sehr kräftiger Weise die Kessellänge,
die sie um 10 mm und mehr vergrößert (Anheizen) und wieder verkleinert (Abkühlen). Der
Kessel darf deshalb nur an dem einen Ende und zwar an dem kühlsten (Rauchkammer) fest mit
dem Rahmengestell verbunden werden und muß im übrigen frei in der Längsrichtung verschieb
bar auf diesem ausruhen, anderenfalls würde der Zusammenhang der Lokomotive bald ge
lockert und der Kessel in den Nietnähten überhaupt nicht dampf- und wasserdicht zu halten sein.
Bei der starken Dampfentwickelung innerhalb der ganzen Wasserschicht im Kessel
wallt das kochende Wasser an seiner Oberfläche, wodurch dem Dampfe viel Wasser bei
gemengt wird. Dieses darf aber nicht in die Arbeitscylinder gelangen. Es ist nicht
zusammendrückbar, würde also, wenn zwischen Dampfkolben und Cylinderdeckel in größerer
Menge eingeschlossen, letzteren oder gar den Cylinder leicht zertrümmern können, wie
wiederholt schon vorgekommen ist. Man versieht deshalb den Langkessel nach dem Vor
gänge von Hackworth (1830) mit einem hohen Aufsatz, Dom genannt, und entnimmt aus
diesem den Dampf für den Cylinder, da er hier am trockensten ist. Häufig scheidet man