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Zweifellos hatte die Religion in der Entwicklungs—
geschichte der Menschen eine gewaltige Bedeutung
In der Zeit des Ahnenkultus, der Verehrung der
Naturkräfte in menschlicher Gestalt, bersuchte sie eine Deu—
tung, versuchte sie zu verstehen, als völliges Verstehen noch
unmöglich war. Sie sah schon, daß die Beherrschung det
Natur den Menschen das höchste Glück, das göttliche, ver—
bürgt.
In der Zeit des Monotheismus verstand sie schon, daß
die Welt ein Ganzes ist Sie verstand es in ideellen Sinne,
eben weil sie es nicht materiell verstand.
Im Christentum und in anderen großen monotheisti—
schen Religionen, die neben der Welkeinheit die Ethik zur
Basis ihrer Lehre machen, verkündet sie die notwendige
Einheit des Menschengeschlechts. Sie verkündet sie nur im
idealen Gefühl, eben weil sie sie in der wirklichen Arbeit
nicht verkünden konnte Auf den großen lebenden sozialen
Gefühlen fußend, die wir ausfuhrlich behandelt haben,
wollte sie darauf die Einheit der Menschen aufbauen, die
natürlich nur eine Gefühlseinheit, eine Einheit nur der
Liebe, also eine nicht wirklich bestehende Einheit werden
konnte, eben weil die wirkliche, materielle Einheit noch un—
möglich war. Sie wollte die Unterdrückten mit ihrem Zu—
stand, also mit der Klassenherrschaft versöhnen, und konnte
dies nur, indem sie eine ideelle Einheit annahm.
Die Religion hat also in den Jahrtausenden, in den
Millionen von Jahren, als die Natur noch nicht verstan—
den werden konnte und die Menschen noch nicht zusammen
arbeiten konnten, auf die Möglichkeit des Verständnisses,
und der Beherrschung der Natur und auf die Moͤglichkeil
des Zusammenarbeitens der Menschheit hingewiesen. Das
ist ihr gewaltiges Verdienst.
nicht, was Begreifen ist. Was Begreifen ist, das hat Dietzgen den
Arbeitern argemacht, und so ist durch Marx und Dießgen des
ganze Verhältnis des Denkens und des gesellschaftlichea Seins
klar geworden, indem der eine die Aenderungen im Denken der
andere das Wesen des Denkens untersuchte.
Marrx selbst hatte seine Kenntnisse der Gesellschaft aus dem
Klassenkampf des Proletariats geschöpft, den er in Englaͤnd und
Frankreich vor Augen sah. Dietzgen bildete seine Kenntuisse de—
Beistes aus Marx' Kenntnis der Gesellschaft Aus Mart' Schriften
lernte ex den historischen Materialismus kennen, und erst dadurch
konnte Dietzgen zu seiner klaren Lehre des Geistes gelangen. Beide
haben also hre Kenntnisse aus dem Klassenkampf des Proletariats
geschöpft. Vas Proletariat gab ihnen durch seine Arbeit, seine
Forderungen und seine Taten die Erfahrung, sie bildeten die Lehre,
die Theorie. Man kann sagen, daß sie hundertfach dem Proletarial
zurückgegeben haben, was dieses ihnen gab