Full text : Die wirtschaftlichen und politischen Motive für die Abschaffung des britischen Sklavenhandels im Jahre 1806/07

XXV  1.

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politik,  die  England  seit  1770  resp.  1783  dortselbst  befolgte.
Eine  Vergleichung  der  wirtschaftlichen  Beziehungen  Westindiens ­
  zu  Nordamerika  vor  und  nach  dem  Kriege  wird  dies
erläutern.
Wohl  kaum  zwei  andere  Wirtschaftsgebiete  waren  und
sind  noch  heute  dermafsen  aufeinander  angewiesen  wie  jene
beiden  Länder  (Edwards  VI,  S.  377).  Ihr  gegenseitiger  Handel
beförderte,  wie  wir  im  zweiten  Kapitel  gesehen  hatten,  nicht
Dinge  der  Eitelkeit  oder  des  Luxus,  sondern  versah  die  westindischen ­
  Pflanzer  mit  den  unentbehrlichsten  Existenzmitteln.
Getreide  und  Gemüse  jeglicher  Art,  Fleisch  und  sonstige  Viehprodukte, ­
  Pferde  und  Esel  zum  Betrieb  ihrer  Zuckermühlen,
Holz  zum  Häuser-  und  Mühlenbau,  auch  zur  Herstellung  ihrer
Zucker-  und  Rumfässer,  sowie  Unmassen  von  Fischen  als
billigstes  Nahrungsmittel  für  ihre  Negersklaven  empfingen  sie
von  dem  festländischen  Norden  im  Austausch  gegen  ihre  kostbaren ­
  Kolonialprodukte.  Frühzeitig  hatte  England  von  seinem
strengen  Kolonialsystem  hier  eine  Ausnahme  gemacht,  indem
es  zwischen  beiden  Kolonien  einen  direkten  Handel  in  amerikanischen ­
  Schiffen  gestattete.  Schon  unter  Karl  II.  begannen
die  Farmer  des  Nordens,  nach  Westindien  Lebensmittel  zu
exportieren  und  die  englischen,  schottischen  und  irischen  Zufuhren ­
  entbehrlich  zu  machen.  Vergeblich  hatten  Sir  Josias
Child  und  Dr.  D.  Avenant  (unter  Wilhelm  III.)  vor  den
möglichen  Folgen  dieser  wirtschaftlichen  Abhängigkeit  Westindiens ­
  von  Nordamerika  gewarnt  (Chalmers,  S.  113).
Dem  geschwisterlichen  Verkehr  verdankten  beide  Länder
ihre  schnelle  Entwicklung  und  ihren  Vorsprung  vor  den  französischen, ­
  spanischen  und  holländischen  Sklaveninseln,  die  sich
nicht  auf  den  Besitz  eines  so  günstig  gelegenen  Gebietes  wie
Nordamerika  stützen  konnten  (Bridges  II,  S.  193).  Nach  dem
Urteil  eines  kompetenten  Beobachters  aus  der  Mitte  des
18.  Jahrhunderts,  des  Mr.  Long  (History  of  Jamaica),  wäre
cs  fraglich  gewesen,  ob  England  einen  einzigen  Acker  in
Westindien  besessen  hätte,  wenn  der  nordamerikanische  Kontinent ­
  einer  anderen  Macht  gehört  hätte  und  die  Engländer
von  ihm  ausgeschlossen  gewesen  wären  (Edwards  VI,  S.  377).
Als  England  17G3  zwischen  Französisch-Kanada  und  Französisch-Westindien
  zu  wählen  hatte,  entschied  es  sich  auf  Lord  Chattams
  Rat  für  das  erstere,  in  der  Meinung,  dafs  der  Besitz
fles  Festlandes  zugleich  die  wirtschaftliche  Herrschaft  über
Westindien  garantiere.  Die  Entscheidung  war  richtig.  Britisch-Westindien
  nahm  seitdem  einen  rascheren  Aufschwung  als  je;
der  Sklavenhandel  gleichfalls.  Beide  hatten  1772,  unmittelbar
v or  der  amerikanischen  Revolution,  den  Höhepunkt  ihrer
Entwicklung  erreicht.  Die  Sklavenbevölkerung  Jamaikas  z.  B.
war  innerhalb  30  Jahre  (1743—1773)  von  99  000  auf  über
200  000  gestiegen  (Bridges  II,  S.  105).  Der  Grund  war  ein-8*

            
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