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jährlich 45 000 innerhalb zweier Jahre auf irgendeine Weise
ums Leben kamen, d. h. beinahe die Hälfte (Clarkson, S. 105,
Ingram, S. 152/53). Die Entbehrlichkeit des Negerhandels
folgert Clarkson (Impolicy, S. 130) zuletzt auch aus den Er
fahrungen des Krieges mit Nordamerika. „1779 gab es eine
Zeit, wo er so gut wie tatsächlich abgeschafft war. Die Sklaven
schiffe hatten bis auf 28 Stück abgenommen (siehe S. 76), und
trotzdem war keine der daran geknüpften schlimmen Prophe
zeihungen eingetroffen.“ —
Britisch-Westindien hatte nicht nur genug, sondern eher
zuviel Sklaven. Alle vernünftigen Beurteiler der im ersten
Teil geschilderten Krisis waren sich einig darüber, dafs die
fortdauernden Sklavenimporte als das Grundübel des Not
standes bezeichnet werden mufsten und die Lage der Pflanzer
nur verschlimmerten, anstatt sie zu verbessern. Die Leichtig- *
keit, mit der Neger eingeführt werden konnten, drückte die
Sklavenpreise und verleitete die Pflanzer zu unüberlegten Er
weiterungen und Neuanlagen von Zuckerplantagen (Penny,
S. 311). Jedes Fleckchen Erde wurde, blofs um die billigen
Arbeitskräfte auszunutzen, mit Rohr bepflanzt, und den
Negern kaum der kümmerlichste Boden überlassen, um dort
für ihren eigenen Bedarf einige Nahrungspflanzen anzubauen.
Dies erhöhte die infolge der französischen Konkurrenz ohne
hin schon vorhandene Überproduktion an Zucker, führte zu
Preisdruck, zu Absatzschwierigkeiten, Zahlungsstockungen,
oft zu Bankerotten, und veranlafste die Herren, ihre Sklaven
noch mehr anzuspornen und ein immer gröfseres Quantum
Arbeit aus ihnen herauszupressen, nur um die Schulden
und andere Verpflichtungen herauszuwirtschaften. Die armen
Neger hatten in letzter Linie den ganzen Druck der wirt
schaftlichen Not zu ertragen; sie wurden überanstrengt, un
zureichend ernährt und gekleidet, mifshandelt und starben
massenweise dahin. Oft machte sich ihre Verzweiflung in
blutigen Gewalttaten gegen ihre Peiniger Luft. Die durch
die jährlichen Todesfälle verursachten Verluste wurden durch
verstärkte Importe wieder wettgemacht. Zum Sklavenkauf
stürzte sich aber der Pflanzer in neue Schulden, die neue
Mifshandlungen und neue Todesfälle unter den Negern zur
Folge hatten. Krisis und Sklavenimporte drehen sich so wie
eine Schraube ohne Ende im Kreise herum. Solange der
Handel nicht verboten war, kam der Pflanzer nie aus der
Geldnot heraus.
Dieser Zusammenhang der Dinge ist frühzeitig durch
schaut worden. Schon Mr. Long (I, S. 437, erwähnt bei
Clarkson, Impol., S. 99) hatte um die Mitte des 18. Jahr
hunderts geschrieben: „The purchase of new negroes is the
most chargeable article attending these estates, and the true
source of distress, under which the owners suffer; for they