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können. Was zunächst die erstgenannte Forderung anlangt, so wird
unser geltendes Steuerwesen ihr nicht im entferntesten gerecht. Das
beweist schon das fieberhafte Bestreben der Regierung, immer neue
Wege der Besteuerung aufzufinden. Wir haben das betrübende Er
gebnis zu verzeichnen, daß eine ganze Reihe unserer Steuern in ihrem
Ertrage weit hinter den seitens der Regierung gehegten Erwartungen
und amtlichen Veranschlagungen zurückgeblieben ist, was sich eben aus
der Verkehrtheit des geltenden Steuersystems erklärt, das das Kapital
zu sehr belastet. Folgendes, in den Zahlen selbstredend über
triebenes, im Prinzip jedenfalls richtiges Beispiel möge dies ver
anschaulichen: Angenommen ein Jnlandsdeutscher hätte einen ganz
großen Diamanten, den er an das Ausland für 30 Milliarden ver
kaufen kann. Er fragt bei der Regierung an, welche steuerlichen
Folgen das für ihn hätte, und diese würde nach der heutigen Steuer
politik folgende Antwort erteilen: „Zunächst mußt du 6 Prozent Ausfuhr
steuer und 15 Prozent Luxussteuer entrichten, sodaß sich 24 Milliarden
ergeben. Dann mußt du außerdem noch 20 Milliarden Einkommen-
und Vermögenssteuer abführen; es werden dir also 4 Milliarden ver
bleiben." Selbstverständlich wird der Besitzer unter solchen Umständen
auf den Verkauf verzichten und versuchen, den Stein ins Ausland
zu schmuggeln, so daß der Regierung die ganzen Steuern entgehen.
Das mag staatsbürgerlich verwerflich sein, ist aber tatsächlich so und
schließlich ja auch verständlich, und nur Tatsachen entscheiden hinsicht
lich des Steuerertrages. Volkswirtschaftlich richtig hätte die Regierung
m. E., so unglaublich es zunächst klingen mag, dem Manne sagen
müssen: „Wenn es dir gelingt, den Diamanten für 30 Milliarden
an das Ausland zu verkaufen, so nehmen wir dir nicht nur nichts
weg, sondern wir geben dir noch eine Belohnung von 2 Milliarden,
denn unsere Volkswirtschaft würde ja durch die dann sofort erfolgende
Steigerung des Mark-Kurses jeden Monat Milliarden ersparen. Daß
du dagegen mit einem Male 32 Milliarden besitzest, tut unserer
Volkswirtschaft nichts, denn du bist ja unfähig, diesen ungeheuren
Betrag zu verzehren, und es kann uns nur recht sein, wenn dein
Kapital die Blutmenge unseres Wirtschaftskörpers vermehrt." Bei
dieser Betrachtung sei auf die in Deutschland aus Steuerangst ge
hamsterten Juwelen und wertvollen Luxusartikel, wie Teppiche, Bilder
und dgl., hingewiesen. Angenommen, daß der Wert dieser Gegenstände
heute 30 Milliarden beträgt, so könnte man sich auf den Standpunkt