Object: Statische oder dynamische Zinstheorie?

116 — 
akzessorischen Momenten, die eine solche Unterschätzung 
im Einzelfall hervorrufen können, zu leugnen sucht‘*). 
Ein Beweis für und gegen diese Ansicht ist wohl schwer zu 
führen. Indirekte Belege lassen sich für beide Ansichten an- 
führen, wie Schumpeter?) bemerkt; letzten Endes handelt 
es sich aber doch, so meinen wir, wie wir uns etwas vulgär aus- 
drücken wollen, um eine Ansichtssache, ob man annimmt, 
daß die Wirtschaftssubjekte allgemein geneigt sind, die Zukunft 
zu unterschätzen oder nicht. Wir stellen uns jedenfalls auf die 
Seite Böhm-Bawerks, sind also der Ansicht, daß die per- 
spektivische Unterschätzung zukünftiger Genüsse eine all- 
gemein menschliche Erscheinung ist, die allerdings nach Ort 
und Zeit stark differiert. Wir halten es daher auch für eine 
Übertreibung seitens Cassels, wenn dieser der menschlichen 
Lebensdauer einen großen Einfluß auf das Angebot an Kapital- 
disposition einräumt, indem er meint, daß bei dem Sinken 
des Zinsfußes unter eine gewisse Höhe ein sehr starker Schwund 
an Subsistenzmitteln aus diesem Grunde einsetzen wird. Das 
mag wohl für eine Wirtschaft, wo das Rentnertum stark ver- 
treten ist, also etwa für Frankreich zutreffen, für die moderne, 
aufwärtsstrebende Wirtschaft kann man es aber nicht behaupten, 
so führt Eduard Lukas?) aus, und wir stimmen hier zu. 
Wie dem auch immer sei, ob der zweite Grund stark oder 
schwach wirkt, wir sind jedenfalls der Ansicht, daß eine Zins- 
theorie so angelegt sein muß, daß sie in ihren Erklärungsgang 
die Tatsache der Unterschätzung zukünftiger Genüsse zwanglos 
aufnehmen kann. Bei Cassel und Böhm-Bawerk ist das der 
Fall. Einerseits ist der zweite Grund in den statischen Er- 
klärungsgang eingefügt, andererseits ist aber die Hauptstütze 
der dritte Grund. Der zweite Grund ist zur Erklärung der Zins- 
erscheinung nicht unbedingt nötig, er nimmt eine unterge- 
ordnete Stellung ein und spielt nicht die Hauptrolle, wie Schum- 
1) Schumpeter, Entgegnung, S. 607, 639, Schumpeter, Entwicklung, 
1. Aufl., S. 317/18. Schumpeter, Entwicklung, S. 221. 
*) Schumpeter, Entgegnung, S. 607. 
3) Lukas, Eduard, Erwägungen über die Bestimmungsgründe u. d. 
innere Verbundenheit d. Angebots u. d, Nachfrage, die den Kapitalzins 
begründen. Eheberg-Festgabe, Leipzig u. Erlangen 1925, S. 65ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.