Inlandsrohstoffe.
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Die Gewinnung der wilden Seide geht immer mehr zurück, weil die
Regierung an Stelle der Eichenlaubzüchtung, die die wilde Seide ergibt, den
Züchtern kostenlos Maulbeerbäume zur Verfügung stellt, um die kostbarere
weiße Rohseide zu gewinnen.
Über die Seidengewinnung im Bezirk Kanton wird wie folgt berichtet i):
Die Seidenspinnerei wird fabrikmäßig oder als Hausindustrie betrieben.
Für den Außenhandel kommt in der Hauptsache die fabrikmäßig hergestellte
Seide, die sogenannte Filaturenseide in Betracht. Sie ist auf dem Weltmärkte
mit dem Namen „Filature Canton a vapeur“ bekannt. Zurzeit sind etwa
150 Dampfspinnereien im Betriebe, die durchweg in chinesischen Händen sind.
Die Spinnerin spinnt nicht mit der Hand, sondern mit Stäbchen, wie sie die
Chinesen zum Essen benutzen. Die Tagesleistung einer Spinnerin beläuft sich
auf 76 g für die feinsten und bis zu 300 g für die groben Nummern. Eine An
fängerin verdient 30 bis 40 Pfennig, eine erfahrene 80 Pfennig bis 1 Mark Tages
lohn. Die Arbeitszeit beträgt 10 bis 11 Stunden.
Die Seide der Hausindustrie ist viel minderwertiger. Sie ist unter der
Bezeichnung „Tsatlee“ oder nach dem Umhaspeln unter der Bezeichnung „Canton
Grant Rereels“ im Handel. Eine weitere Erzeugung in der Hausindustrie ist
„Canton Natives“. Die letztere ist wegen ihres kräftigen Fadens und ihrer ver
hältnismäßigen Reinheit sehr beliebt.
Den größten Teil der Kantoner Seiden nimmt Lyon. Italien kauft fast
ausschließlich durch Vermittelung Lyoner Firmen die billigeren Sorten, die dort
zu Tramen gezwirnt werden. Der Bedarf der Vereinigten Staaten an Rohseide
ist im Zunehmen begriffen, seit dort gezwirnte Seide Zollschutz genießt. Die
Silk Association of America hat vor einigen Jahren eingehende Anweisungen
ins Chinesische übersetzen lassen, um eine Verbesserung der Gespinste zu erreichen.
Wegen der teuren Arbeitslöhne wird dort namentlich Wert auf eine gute Wind-
barkeit gelegt. Auch hat man zu erreichen gesucht, daß die Spinner Stränge
von genau bestimmter Fadenlänge und Breite hersteilen mit genauer Verteilung
des Fadens auf ihre Breite. In Schanghai ist dieser Forderung teilweise ent
sprochen worden; in Kanton haben sich aber die Spinner für derartige Neuerungen
nicht zugänglich erwiesen. Deutschlands Verbrauch an Kantoner Seide läßt sich
hier nicht feststellen, weil unmittelbare Abschlüsse mit deutschen Käufern nicht
stattfinden. Deutsche Verbraucher haben es bisher vorteilhafter befunden, ihren
Bedarf in Frankreich und Italien zu decken, weil sie dort die Aufmachung kaufen
können, die sie brauchen, und im Auslande die Zwirnlöhne niedriger sind.
Solange in Kanton selbst gezwirntes konkurrenzfähiges Material nicht zu kaufen
ist, wird die deutsche Industrie genötigt sein, ihren Bedarf an Kantoner Seide
weiter im Wege des Zwischenhandels zu decken.
Auch die Ausfuhr von Seidenabfällen und von Kokons ist bedeutend.
Man unterscheidet ungeöffnete und geöffnete Abfallseideii. England nimmt den
1 ) Berichte über Handel und Industrie im Jahre 1913/14, S. 331.