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11 Pfund nicht viel größer als 1 / z des Konsums in Deutschland oder
Frankreich, der 31 beziehentlich 30 Pfund pro Kopf ausmacht. — Das
Darben ist dem russischen Bauer zur Gewohnheit geworden, unter
brochen von den Jahren ausgesprochener Hungersnot, in welchen der
„Golod", der „große Hunger", über die Felder geht — nicht die „Go-
lodowka", das „kleine Hungerchen", welches häufiger Gast ist (vergl.
W. Siebert, Die liberalen Bestrebungen in Rußland un'd ihre Aus
sichten. Das freie Wort, 2. Novemberheft, 1904). Förmlich zärtlich
klingt die Bezeichnung „das kleine Hungerchen", wie von einem Kame-
raden, an den uns Jahre der Gemeinsamkeit binden.
Daher sind Bauernunruhen in Rußland förmlich typisch geworden.
Den Bauer, der überall konservativ, in Rußland noch besonders schwer
beweglich ist, kann nur die bitterste Not zum Aufruhr treiben, und
deshalb ist die typische Erscheinung der Bauernrevolten ein sicherer Be
weis für die Verelendung des russischen Bauern. Dabei ist zu berück
sichtigen, daß Ereignisse, welche außerhalb der wirtschaftlichen Verhält
nisse Rußlands liegen, die Lage der russischen Bevölkerung in riesigem
Maße hätte bessern müssen. Seit etwa zwei Jahrzehnten geht ein ununter
brochener Geldstrom von Milliarden aus dem Ausland nach Rußland.
Gewiß, es sind geborgte Milliarden, aber diese waren bisher nicht, zurück
zuzahlen, sondern nur zu verzinsen. Das Einfließen so riesiger Summen
hätte daher auf die russische Volkswirtschast ungemein befruchtend wirken
müssen. Tausende von Kilometern Eisenbahn wurden von diesem Gelde
gebaut. Bergwerke und Fabriken wurden mit dem Gelde der Aus
länder betrieben. Dies mußte den Konsum von Eisen vergrößern, mußte
einen konsumierenden Arbeiterstand schaffen, welcher als Abnehmer des
Bauern dessen Lage hätte verbessern und mit seinem Bedarf den Konsum
von Tee, Zucker, Petroleum usw. in starkem Maße hätte steigern müssen.
Daß dies nicht der Fall gewesen ist, ist ein weiterer Beweis für die
schlechte wirtschaftliche Lage der russischen Bevölkerung.
Das Wartmsche (Kuch.
(2. September 1905.)
Wenn man vor wenigen Tagen noch einen Börsenkommis gefragt
hätte: „Na, was sagst du zu Martin?" er hätte unzweifelhaft mit der
Gegenfrage geantwortet: „Was ist's mit ihm? Hat man ihm in Epsom
die Lizenz entzogen? Hat er sich zu Haymarket das Genick gebrochen?"
Denn ganz sicher hätte damals jeder Kommis mit der vertraulichen
Bezeichnung „Martin" den ehemals in Hoppegarten so beliebten Jockey,
den Meister deutscher Reitkunst gemeint. Seit einigen Tagen aber ist
Wer ist
Martin?