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Olle Kamellen.
ein anderer Martin in der Burgstraße populär: eiu Kaiserlicher Re
gierungsrat, der früher im Reichsamt des Innern und jetzt im Sta
tistischen Amt tätig ist und ein Buch über die Zukunft Rußlands und
Japans geschrieben hat. Und wenn man jetzt den Bankkommis nach
„Martin" fragt, so wird er fuchsrot und schreit den Frager an: „Was
kann an dem sein? Der verkehrt ja nur in Berlin W. und möchte gern
reich heiraten." Machst du aber den Kommis durch Aeußerungen des
Zweifels ganz wild, so tischt er dir sicher die schon manch anderem an
gehängte Anekdote auf — der Herr Regiernngsrat habe sich neulich,
als er seine Tischdame bei der Suppe fragte, ob sie noch Geschwister
habe, zur Antwort sagen lassen müssen: „Ja, bei uns geht es in fünf
Teile."
Komisch, komisch! Seit wann hält man es an der Börse für
schimpflich, in Berlin W. zu verkehren, gern reich heiraten zu wollen
und sich bei seiner Tischdame so ganz direkt nach den Potenzen ihres
Herrn Bakers zu erkundigen? Als ob man nicht auch einen echt ge
tauften Regierungsrat im Tiergarten gern als Freier sähe! Was tat
euch denn gerade dieser Regierungsrat?
Um es kurz zu sagen: Man klagt ihn der Geschäftsstörung, des
Börsensriedensbruches an. In seinem Buche verdonnert er die russi
schen Finanzen in Grund und Boden. Alle Welt kauft es. Kleine Sor
timenter zeigen es mit großen Annoncen in der Zeitung an, die Jour
nalisten besprechen es in langen Leitartikeln. Mit einem Wort: es wird
bald neben Jörn Uhl, Thomas Truck, Götz Krafft, den „Briefen, die
ihn nicht erreichten", den „Memoiren einer Verlorenen" und dem
Schindcrhanues zu den gclcscnsten Büchern der deutschen Literatur ge
hören. Da man nun einen Sachverständigen, dessen Gutachten den
Kurs der russischen Werte nach unten beeinflußt, au der Börse nicht
leiden kann, so schimpft man auf ihn.
Für die Börse ist Herr Martin nämlich Sachverständiger und für
einen großen Teil der Presse auch. Man bestaunt jedes seiner Worte
und tut, wie wenn in seinen Zeilen ganz neue Offenbarungen enthalten
seien. Ja, hat man denn das letzte Jahrzehnt verschlafen? Vor vielen
Jahren schon haben der Professor Jsaieff scharfe Kritik an Herrn Wittes
Finanzsystem geübt, Peter Loehtin und Parvus-Lehmann die traurige
Verfassung der russischen Landwirtschaft aufgedeckt, haben Georg v. Boutmi
und Struve den Witteschen Berichtschwindel und Peter Migulin das
Elend der russischen Reichsbank entschleiert. Die Balten Paul Rohrbach
und v. d. Brüggen haben in Büchern, Broschüren und Zeitschriften
diese Kritiken auch deutschen Lesern näher zu bringen versucht. Aber
wo blieb die allgemeine Erregung? Herr Professor v. Reußner^) hat in
den Spalten des Plutus unter Berufung auf die namhaftesten Staats
rechtslehrer seiner Heimat die willkürliche, betrügerische Art gegeißelt,
in der das russische Budget für das Ausland frisiert wird und — die
russischen Renten sind gestiegen trotz Krieg, Pest und Niederlage. Jetzt
kommt nun ein Kaiserlicher Regierungsrat, der lange bekannte Tatsachen
i) Vergleiche den Aufsatz „Russischer Budgetschwindel" in dieser Sammlung.