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ausgräbt, zusammenstellt, ein Buch daraus macht, und die ganze Welt,
insoweit sie russische Papiere besitzt, hallt von seinem Ruhme wider.
Wie ist das möglich? Das Buch ist in seinem volkswirtschaftlichen
Teil spottschlecht. Keine Disposition, keine Beweise für schwerwiegende
Behauptungen, phantastische Zahlenschätzungen und in der Hauptsache
ein Sammelsurium von Zitaten, das mit der Prätension eigener Geistes
arbeit auftritt, ohne daß selbst nur der verbindende Text eine Spur
von Originalität zeigte. Aber ein Regierungsrat hat's geschrieben, und
der ist eben etwas anderes als gewöhnliche Sterbliche. Deswegen feiert's
sicher mancher. Aber es wäre oberflächlich, nur aus solcher Fadheit heraus
die neueste Sensation zu erklären. Man hat gar nicht so unrecht,
wenn man die Autorschaft eines Regierungsrates in diesem Falle als
etwas Ungewöhnliches schätzt. Nicht etwa, weil er im Gegensatz zu
seinem Kollegen in Reichsdiensten, Herrn Helfferich, die russischen Fi
nanzen schlecht findet. Aber das Buch enthält auch einen sehr inter
essanten Teil, der nicht von Volkswirtschaft und Statistik, sondern von
Politik und Geschichte handelt. Auch hier ist manches schief, aber vieles
sehr geistreich in den Schlüssen und Vergleichen, und vor allem alles,
aber auch alles ganz anders, als es sein müßte, wenn die augenblick
liche deutsche Politik gegenüber Rußland gerechtfertigt sein sollte/ Und
daß so etwas ein Reichsbeamter, ein Untergebener des Fürsten Bülow,
schreibt, ist allerdings sehr bemerkenswert.
Der Herr Regierungsrat liest der Börse gehörig den Text, daß
sie nicht an die russische Revolution glauben will, wo man doch mitten
darin sei, und daß sie meint, mit der Einberufung der Duma sei alles
wieder in bester Ordnung, während dann erst die Hauptphase der Re
volution einsetze. Er beweist seine These an der Hand der Vorgänge
während der großen Revolution, in der Necker eine ähnliche Rolle wie
heut Witte spielte. Behauptung und Vergleiche sind nicht neu. Ich habe,
ohne mir auf das sich jedem Geschichtskundigen geradezu aufdrängende
Gleichnis etwas zugute tun zu wollen, an dieser Stelle im Januar
dieses Jahres geschrieben: „Die französische Revolution ward nicht am
Tage des Bastillensturmes geboren, sondern durch die Unterzeichnung
des Dekrets, das die Generalstände berief. Und die russische Revolution
fängt nicht an mit den Petersburger Metzeleien, sondern hat schon lange
begonnen mit dem von der Regierung selbst berufenen Semstwo-
kongreß .i . . ."*) Damals war von der Duma noch keine Rede. Jetzt
liegt der Vergleich zum Greifen nahe. Und doch gibt Herr Martin hier
manches — na, sagen wir in den Schriften von Regierungsräten sonst
nicht zu Findendes. Er entpuppt sich nämlich — ohne daß er das selbst
gewahr wird — als Marxist und weist haarscharf nach, daß der Gang
der Geschichte durch wirtschaftliche Gesetze beeinflußt wird, und daß die
Mitglieder der zukünftigen russischen Duma, ob sie wollen oder nicht,
durch den Zwang der wirtschaftlichen Gesetze den Staatsbankrott werden
dekretieren müssen: In Frankreich erklärten die Mitglieder der National
versammlung zunächst das Wort „Staatsbankrott" für infam, und Mira-
i) Verg'eiche den Aufsatz „Mendelssohns" in dieser Sammlung.
Die
Schwächen des
Buches.
Revolutions
prophe
zeiung.