Full text : Russlands Bankerott

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Ansprüche  gefallen  lassen,  wenn  die  Besitzer  dereinst  zu  billigen  Kursen
ihre  Papiere  hergeben  müssen?  Der  Herr  Reichskanzler  tröstet  sich  über
solche  Bedenken  leicht  mit  dem  Gedanken  daran,  daß  Bismarck  einst,  als
er  die  russischen  Werte  aus  Deutschland  hinaustrieb,  auch  ihren  Besitzern
Schaden  zufügte.  Allein  damals  ging  die  Staatsraison  über  solche  Bedenken. ­
  Denn  Bismarck  hatte  begründete  Befürchtung,  daß  das  Geld
der  deutschen  Kapitalisten  zu  russischen  Kriegsrüstungen  gegen  Deutschland ­
  verwandt  werden  könne.  Aber  welche  Staatsraison  gebietet  es
eigentlich,  heute  den  deutschen  Kapitalisten  zum  Kauf  und  zum  Behalten
russischer  Wertpapiere  zu  raten?  Diese  Rolle  eines  finanziellen  Beraters ­
  der  Privatkapitalisten  hätte  Bismarck  sicher  nicht  mit  seiner
Stellung  für  vereinbar  gehalten,  zumal  in  einer  Zeit,  wo  für  Deutschlands ­
  eigene  Anleihen  kaum  noch  Käufer  zu  finden  sind.
*  *
*
(2.  Dezember  1905.)
Noch  immer  versucht  man  die  Stimmungmache  für  Rußland,  obwohl
mit  jedem  Tage  deutlicher  die  Zeichen  des  vollkommenen  staatlichen  Verfalles
und  der  finanziellen  Zerrüttung  in  die  Erscheinung  treten.  Aber  während
die  Finanzkünstler  emsig  an  der  Arbeit  sind,  das  internationale  Kapitalistenpublikum
  zu  beruhigen,  machen  ihnen  die  Politiker  einen  bösen  Strich  durch
ihre  Rechnung.  In  der  Behandlung  der  russischen  Frage  hat  seit  dem
Ausbruch  der  Unruhen  im  Lande  des  Zaren  immer  ein  gewisser  Gegensatz
zwischen  den  Volkswirtschaftlern  und  den  Politikern  geherrscht.  Am  eklatantesten
kam  das  in  den  Börsenblättern  zum  Ausdruck,  wo  die  politischen  Redakteure
die  Revolution  prophezeiten,  während  die  Redakteure  im  volkswirtschaftlichen
Teil  eine  schnelle  Beruhigung  des  Landes  garantieren  zu  können  glaubten.
Jetzt  geht  die  Opposition  gegen  die  volkswirtschaftliche  Ehrenrettung  Rußlands
von  den  Redakteuren  der  inneren  Politik  aus.  In  mehreren  Blättern,  am
deutlichsten  aber  in  den  Berliner  Neuesten  Nachrichten,  wurde  während  der
letzten  Tage  der  Reichskanzler  aufs  eifrigste  gegen  den  Vorwurf  verteidigt,
daß  er  durch  sein  Auftreten  im  Reichstag  und  gegen  das  Buch  des  Regierungsrats ­
  Martin  etwa  das  deutsche  Publikum  über  den  Stand  der  russischen
Finanzen  habe  beruhigen  wollen.  Es  sei  lediglich  seine  politische  Pflicht
gewesen,  so  meinen  seine  Verteidiger,  da  wir  mit  Rußland  in  politischer
Freundschaft  leben,  die  Begebung  von  Anleihen  des  russischen  Reiches  nicht
zu  erschweren.  Aber  davon  sei  ganz  und  gar  das  kritische  Urteil  über  die
Bonität  der  russischen  Finanzen  zu  trennen.  In  dieser  Hinsicht  muß  das
deutsche  Publikum  sich  selbst  vorsehen.  Diese  Verteidigung  umgeht  den  Kern
der  gegen  den  Kanzler  des  Deutschen  Reiches  erhobenen  Vorwürfe.  Fürst
Bülow  mag  angesichts  der  politischen  Freundschaft  zwischen  Deutschland  und
seinem  östlichen  Nachbar  Wohl  die  Verpflichtung  in  sich  gefühlt  haben,  deutlich
zu  erklären,  daß  der  Zusatz  „Kaiserlicher  Regierungsrat"  auf  dem  Titel  des
,  Martinschen  Buches  nicht  etwa  diese  Schrift  als  offiziös  oder  gar  als  offiziell
inspiriert  erscheinen  lassen  dürfe.  Hätte  er  eine  solche  Erklärung  in  der

Bismarck  und
Bülow.

Politische  und
volkswirtschaftliche ­

Redakteure.

Der  Reichskanzler ­
  läßt
sich  verteidigen. ­

            
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