parteien getrieben und die Kraft einer breiteren und universelleren politischen
Idee geschwächt. Der Sozialismus hat kräftig zur Hebung der Arbeiterklassen
beigetragen, indem er sie zusammenschloß, aber er hat mit seinem prak-
tischen Materialismus auch jede idealistische Anschauung beeinträchtigt.
Der Sozialismus schwankt immer in dem Widerspruch zwischen einem
unwirksamen Partikularismus und einer apokalyptischen Vision. Der Libe-
ralismus, als ein Ausdruck bürgerlicher Interessen betrachtet, hat in der Tat
das Gefühl für die Freiheit beeinträchtigt, aber das eigentliche revolutionäre
Ideal des Sozialismus, das auf einer Beseitigung der Klassen beruht, hat auch
dazu beigetragen, angesichts der Tatenunlust der Massen die Gewaltinstinkte
der sie vertretenden Männer zu fördern.
Der Ruf von Marx: „Proletarier aller Länder vereinigt euch! ist
in Wirklichkeit oft genug nicht ein Ruf der Vereinigung, sondern der Ent-
zweiung gewesen. Wie oft haben wir mit Abscheu von revolutionären Sozia-
listen die Behauptung gehört, die Kapitalisten ihres eigenen Landes seien
schlimmere Gegner als die äußeren Feinde!
Gleich nach dem Krieg hat ein größerer Drang zur Gewalttätigkeit die
Sozialistischen Parteien entflammt; zu dieser äußerst bekümmernden Tat-
sache hat das Beispiel und die Propaganda Rußlands nicht wenig beigetragen.
Das russische kommunistische Experiment hat viele Geister verwirrt und
viele Gewissen betrogen.
So erinnere ich mich einer bewegten Sitzung der italienischen Kammer
nach dem Kriege, wo ein Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei — einer
von den Erregtesten, aber nicht von den Intelligentesten — eine Reihe unheil-
voller Ideen mit endlosen Irrtümern darlegte. Ich folgte als Ministerpräsident
der Diskussion vom Regierungstisch aus und konnte als Kenner der national-
ökonomischen Wissenschaften und der gesamten sozialistischen Literatur den
Einwurf nicht unterdrücken : „Kein Theoretiker des Sozialismus hat diese
Dinge gesagt, weder Marx, noch Engels . . . .“ Sicherlich hatte der Redner
diese nie gelesen und konnte sie gewiß nicht begreifen. Er erwiderte aber mit
der Sicherheit der Ignoranten : „Wir glauben nicht an die deutschen Lehren,
sondern nur an den russischen Sowjet-Sozialismus . ...“
Kriege können wohl eine Notwendigkeit sein, aber fast niemals die Ver-
breitung moralischer Grundsätze fördern, auf denen die soziale Ordnung allein
beruht. Es ist nicht richtig, daß sie an Disziplin gewöhnen oder daß sie das
Ordnungsgefühl wecken. Der Krieg gewöhnt an Gewaltsamkeit und läßt im
Geist der Menge die gefährlichen Leidenschaften wuchern, die die Zivilisation
wenn nicht erstickt, so doch gebannt hatte. Als die Kriege von einer kleinen
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