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ein Apostel der Aufklärung, die Urenkel, denen
aus dem Taufbecken das Adelsprädikat erwuchs,
Kämmerer der Volksverdummung. Ein
Treppenwitz der Historie! Aber Pietät und
Sentimentalia sind nun einmal keine Eeschäfts-
prinzipien, und wenn selbst Rothschild, der
allen Antisemiten als „Oberjude" gilt, den Be
drückern seiner Glaubensbrüder seine Hilfe leiht,
weshalb sollen die Enkel Moses Mendels
sohns nicht Posbjedonozews Klingelbeutel
füllen? Ich bin überzeugt, die Herren
v. Mendelssohn und ihr Sozius Herr Fischl
glauben an die Zukunft Rußlands. Aber selbst,
wenn all die Enthüllungen der letzten beiden
Jahrzehnte an ihnen nicht eindruckslos vorüber
gegangen sein sollten, jetzt können sie nicht mehr
zurück. Mit den Darlehen an die Staaten ist
es wie mit der bösen Tat, „die, fortzeugend.
Böses muß gebären". Man muß immer wieder
neues Geld hineinstecken, um das alte einst
wiederzubekommen oder intakt zu erhalten.
Vielleicht — ich weiß es nicht, stelle es nur als
Eventualfall hin — wäre es Mendelssohns sehr
recht gewesen, wenn die Reichsregierung sich
mit Rücksicht aus ihre eigenen desolaten Finanzen
weniger zuvorkommend gegenüber dem russischen
Werben verhalten hätte.' Aber nachdem Deutsch
lands Kapitalisten einmal an Rußland ver
schachert waren — ähnlich wie man einst
preußische Landeskinder an England verkauft
hat —, mußten Mendelssohn & Co. die Ver
mittler spielen, ob sie wollten oder nicht.
Hätten sie nein gesagt, manch einer von denen,
die jetzt gar tugendsam beiseite stehen, hätte
sich an ihre Stelle gedrängt, und Mendelssohns
hätten nicht nur eine lukrative Geschäfts
verbindung, sondern auch einen Teil ihrerGloriole
verloren.
Ich kann aus diesen Erwägungen heraus
auch den zahlreichen Börsenstimmen nicht bei
pflichten, die dem Hause Mendelssohn & Co. die
bloße Tatsache der Emission einer neuen russischen
Anleihe schon als Verbrechen anrechnen möchten.