Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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weichung zu treiben; neue, unverlierbare Erweiterungen der drama— 
tischen Kunst sind auch auf diesem Wege gewonnen worden. Aber 
eine neue Grundlage für das Ganze eines dramatischen Auf— 
baues wurde dabei nicht erreicht, — konnte nicht erreicht werden. 
Es ist ein Urteil, das man auch über einen anderen Ver— 
such eines ganz besonders neurologischen Stimmungsdramas 
wird fällen müssen, der vom Vlamland ausging, aber, wie 
die vlamische Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt, nicht 
ohne Wirkung im inneren Deutschland geblieben ist. Denn 
der Vlame, der diesen Versuch unternahm, Maeterlinck, steht 
zwar gleich den vlamischen Malern des Impressionismus und 
der Farbensymphonie und gleich den Meistern der belgischen 
Plastik technisch im engsten Zusammenhange mit der franzö— 
sischen Kunst, im Grunde aber ist er doch, wie diese Maler, ger— 
manisch; und in der besonders energischen Art, mit der er in 
der Luft liegende Probleme erfaßt und der Lösung zuführt, 
erweist er sich sogar als hervorragender Träger einer spezifischen 
germanisch-vlamischen Stammeseigenschaft, jener derb zugreifen— 
den Kühnheit, welche die Vlamen schon des Mittelalters aus— 
zezeichnet hat. 
Maeterlinck veröffentlichte zuerst eine Gedichtsammlung 
„Serres chaudes“; bekannter wurde er aber erst durch seine 
Dramen, deren früheste, „La princesse Maleine“, „Les aveugles“ 
und „L'intruse“, wohl auch die für seine neurologische Technik, 
infofern diese Nachahmer gefunden hat, bezeichnendsten sind. 
Das, was Maeterlinck in diesen Dramen erzählt, sind zeitlose 
Geschichten oder auch nur raumlose Zustände — so ist das Stück 
„Les aveugles“ eigentlich nur ein endloser, zu litaneimäßiger 
Narkose ausgedehnter Klagegesang über die Hilflosigkeit der 
Blinden —: höchstens daß durch die Schilderung des klimatischen 
und räumlichen Charakters der Typ der Niederlande leise hin— 
durchschaut. Aber dieser Typ ist dann als der einer längst 
vergessenen, märchenhaften Zeit genommen. Und auch sonst zeigt 
die Handlung durchaus das Wesen des Märchenhaften: keine 
Spur von wirklichen Menschen mit Fleisch und Blut — 
Maeterlinck schreibt vor, daß die Rollen seiner Stücke durch
	        
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