Metadata: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Zehntes Buch. Erstes Kapitel. 
unverzüglichster Hilfe verpflichtet bei heimischem Waffengeschrei 
gegen Deichbruch und flutende Welle. 
Da aber der staatliche Dienst der Freien im 11. und 
12. Jahrhundert nur selten in anderen Pflichten bestand, als 
in denen des Kriegsdienstes und der Steuer, so erhielten die 
Moorsiedler durch die Exemtion gerade von diesen Pflichten 
eine ungemein freie Stellung: persönlich gleichsam Herren und 
Herrscher lebten sie auf selbstgewonnenem Land, jeder ein Faust, 
Goethescher Lebensweisheit teilhaftig. 
Es liegt auf der Hand, welche Eigenschaften des Charakters 
sich unter diesen Umständen in dem Volke der alten Moore, 
der erblühenden Polder und Marschen besonders entwickeln 
mußten. Strenger Unabhängigkeitssinn, nur langsam gemildert 
durch den emporwachsenden Reichtum des Neulands; Sicher—⸗ 
heitsgefühl der eigenen Leistung neben der Einsicht, daß doch 
nur gemeinsames Einstehen aller das Errungene dauernd zu 
sichern vermöge; Entschlußfestigkeit im Rückblick auf elende 
Anfänge; klares Pflichtbewußtsein infolge glücklicher Erziehung 
durch ein einfaches System eigner wirtschaftlicher, gerichtlicher 
und kirchlicher Verwaltung: das waren die Gaben, womit die 
unholden Elben der alten Moore, zu wohlthätigen Feen ver⸗ 
wandelt, das grobe Volk überschütteten, dessen Schicksale sich 
an die Stätten alten Schweigens geheftet hatten. 
So erwuchs denn eine hochgradige Energie des Thuns und 
eine sichere Klarheit begrenzter Lebensführung an diesen Stätten, 
nichts scheuend, nichts anerkennend, alles hoffend, alles ver—⸗ 
suchend: die Disposition für große kolonisatorische Unter⸗ 
nehmungen war gewonnen. Von ihr getrieben zogen Vlamingen 
und Holländer aus den Westgrenzen deutschen Wesens aus, die 
Ostgrenzen zu gewinnen, so gaben sie den Sauerteig ab für die 
große Masse der Kolonisten aus dem centralen Deutschland, die 
mit ihnen zogen, ihnen bewundernd folgten. Dieser Pionier— 
dienst in der Kolonisation des deutschen Ostens ist unter den 
vielen Großthaten unserer westlichen Brüder eine der größten; 
er soll ihnen unvergessen bleiben in jeder deutschen Geschichte,
	        
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