382 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
naissance ein höheres Niveau freierer dichterischer Betätigung
gebildet hatte. Ganz dieser neueren Schicht aber dürfen sie
innerhalb des einmal gegebenen Rostes ihres Aufbaues noch
zugezählt werden in der Durchbildung der Charakteristiken und
in der Schärfe der Motivierung, sowie nicht minder in der
Munterkeit des Flusses der Handlung und dem außerordent—
lichen Leben des Dialoges: hier, in immerhin noch sehr wich⸗
tigen Nebenerscheinungen des Neuen, liegen die auch für uns
noch unvergänglich erscheinenden modernen Eigenschaften ihres
unendlich vielseitigen und zweifelsohne auch dichterisch hochbegabten
Schöpfers.
Diese Eigenschaften aber wiederum erscheinen deshalb modern,
weil sie diejenigen Teile der poetisch-dramatischen Theorien
Lessings verkörpern, in denen sich der Dichter von der französischen
— individualistischen — Lehre wie auch, insofern als er Aristoteles
viel zu modern interpretierte, von der Antike losgerissen hatte:
so vor allem die Lehre von der Exrreichung der höchsten subjek—
tiven Wahrscheinlichkeit des Geschehens nicht durch platte Nach⸗
ahmung der Natur, sondern durch die Anwendung derjenigen
spezifischen technischen Mittel der Sprache, der Situations-⸗
schilderung u. s. w., welche geeignet sind, die vorgeführten
Charaktere subjektiv wahrhaftig erscheinen zu lassen. Bei diesem
Zusammenhange begreift es sich denn, wenn Lessing ganz in
das kommende Zeitalter hineinragen mußte mit einem Werke,
das diese neue dramatische Technik aufwies, ohne an jenen
Mängeln der Verinnerlichung des Aufbaues zu leiden, die sich
aus der noch nicht aufgegebenen Auffassung subjektiver Ver—
schuldung als objektiven Unglückes herleiteten. Schiller macht
an der soeben angeführten Stelle über „Nathan den Weisen“
die weitere Bemerkung: eine große Tragödie sei aus dem Ge—
dicht allerdings schwerlich zu machen, wohl aber möchte es mit
zufälligen Veränderungen eine gute Komödie abgegeben haben.
In der Tat: in der Komödie fiel zu Boden, was Lessing noch
als Kind vorsubjektivistischer Zeit bezeichnete, trat dagegen offen
zutage, was ihn mit dieser Zeit verband.
Auf diesen Zusammenhängen beruht der noch heute wie