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Die Pariser Wirtschaftskonferenz. 121
„Wenn diese Grundzüge zur Anwendung kommen, so werden wir also für eine lange
Zeit ein Europa haben, das in zwei große wirtschaftliche Lager geteilt ist. Man
versichert uns, daß die Ententemächte die Interessen der Neutralen wahren werden.
Besser wird es sein, wenn sich diese Neutralen zusammentun, um ihre Interessen
selbst zu wahren. Die Beschlüsse der Wirtschaftskonferenz und ihre Veröffentlichung
haben für sie den Vorteil, daß sie für ihre Zukunftspläne nun eine Grundlage haben.
Diese Grundlage ist allerdings noch nicht fest, denn noch haben die Waffen nicht ent-
schieden. Sollten die Ententemächte in diesem Ringen unterliegen, so würden die Sieger
wohl dafür sorgen, daß die wirtschaftlichen Pläne zunichte werden. Die Pariser Handels-
konferenz hat angenommen, daß die Entente Sieger bleiben oder doch so aus dem Kampf
hervorgehen wird, daß ihr der Gegner seinen Willen nicht vorschreiben kann. Sie ist,
wie es ihr Recht ist, zuversichtlich gewesen, aber in der Beurteilung der allgemeinen Lage
nicht unbescheiden, denn alle ihre Vorschläge setzen das Weiterbestehen eines mittel-
europäischen Wirtschaftsblocks voraus; die Vertreter der Ententeregierungen haben also
gar nicht mit seiner Zertrümmerung gerechnet, die da und dort im Lager der Entente
schon ins Auge gefaßt wurde.‘ —
In der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 15. Juli 1916 erklärt ein
schutzzöllnerisch gesinnter Engländer:
„Die einstimmig gefaßten Beschlüsse der wirtschaftlichen Konferenz in Paris sind
die Antwort der Ententemächte auf Deutschlands Plan eines Mitteleuropäischen Zoll-
vereins und seiner Absicht, den Krieg auf dem wirtschaftlichen Gebiet fortzusetzen, wenn
er auf dem militärischen Gebiet und zur See beendigt sein wird, Sie machen die Solidarität
der Verbündeten, die militärische und die wirtschaftliche, im Kampf mit dem gemein-
samen Feind vollständig, und die Ergebnisse der Pariser Konferenz werden nic ht verfehlen,
sowohl in Deutschland als in den neutralen Ländern einen großen Eindruck zu machen. Es ist
kein Zweifel, daß die Verbündeten einen ungeheuren Vorteil haben über die Zentralmächte,
da sie über ein gewaltiges Übergewicht in dem Handelund dem Reichtum der Welt verfügen.
Dies gibt ihnen eine starke Waffe im wirtschaftlichen Kampfe. Zum Beispiel betrug die
deutsche Ausfuhr im Jahre 1913, dem letzten vollständigen Friedensjahre, 1026000 000 Lstr.
Davon gingen 20 Prozent nach England und 28 Prozent nach den verbündeten Ländern;
das heißt zusammen beinahe 50 Prozent der ganzen Ausfuhr, Wo sollte Deutschland
einen Ersatz finden für diese gewaltige Menge der Ausfuhr seiner Landesprodukte?““
Der schwedische Nationalökonom Professor Gustav Cassel unter-
zieht die jüngste wirtschaftliche Konferenz der Entente im „Svenska
Dagblatt“ einer Kritik und sagt:
„Die Konferenz irre sich, wenn sie glaube, daß die Regierungen der Ententemächte
künftig ganz davon absehen könnten, was die neutrale Welt wünscht und verlangt.
Durch die Behandlung der Neutralen gebe die Entente die ganze Idee auf, für welche sie
ihrer eigenen Auffassung nach kämpfe: die Idee über Ordnung der internationalen Ver-
hältnisse auf Grundlage des Rechtes im Gegensatz zur Gewalt und militärischen Übermacht,
Was hätte ein Sieg für einen Zweck, wenn man selbst die Idee, für die man kämpft, mit
Füßen tritt? Wenn die Wirtschaftskonferenz der Entente die bedenkliche handelspolitische
Kontrolle noch mehr stärken wolle, so müsse von neutraler Seite klar gemacht werden, daß
dies Folgen mit sich bringen müsse, die für die Ententemächte wenig erwünscht sein können.‘“
Die Wiener „Neue Freie Presse“ enthält in ihrer Nummer vom
9. Juli 1916 eine ausführliche Kritik aus der Feder von Prof. Dr.
Franz Eulenburg‘!):
*) „Pariser Wirtschaftskonferenzen — und kein Ende“; hier mit Genehmigung
des Verfassers wiedergegeben.
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