sehen Wirken nach ist die Letztere wesentlich staatsfreundlich, als
politische Partei ist sie dagegen bisher grundsätzlich d. h. ohne Rück
sicht auf den Wandel der Ministerien regierungsfeindlich gewesen. Ein
Zustand, der wenig verschlug, solange die Sozialdemokratie über nur
geringe politische Macht verfügte und demgemäß auch nur geringe
staatliche Verantwortung trug, der aber zu den größten Unzuträg
lichkeiten führen kann, wenn die Sozialdemokratie größere politische
Macht erwirbt. Denn ob sie diese nun direkt oder indirekt ausübt, mit
der Macht zugleich wächst die politische Verantwortung und nötigt
die Partei, des geschilderten Dualismus Herr zu werden. Wohl oder
übel wird sie gezwungen, zu Einzelheiten der Regierung und Verwal
tung Stellung zu nehmen, was ihr zwar erlaubt, Oppositionspartei zu
bleiben, aber das Wesen ihrer Opposition doch ändert. Aus der schlecht
hin verneinenden wird sie zunächst eine bedingt verneinende Oppo
sition.
In parlamentarisch regierten Ländern, wo große Parteien oder
Parteiverbindungen in der Regierung sich ablösen, bleibt es indes auch
hierbei nicht. Die Sozialdemokratie kommt in Lagen, wo Neutralität
diesem Kampf gegenüber faktisch Unterstützung der einen oder an
dern der beiden Koalitionen heißt. Um nicht der Spielball eines rein
mechanischen Vorgangs zu werden, muß sie sich entschließen, Partei
zu nehmen, ihre Stimmenmacht bewußt und systematisch für die eine
und gegen die andere Koalition in die Wagschale zu werfen. Sie muß
dann unter Umständen sich auf die Seite der Partei stellen, die gerade
an der Regierung ist, womit ihr Einfluß auf diese Regierung, zugleich
aber auch ihr Interesse an ihr eine Steigerung erfährt. Selbst wenn sie
behufs Wahrung ihrer politischen Unabhängigkeit sich jedes formalen
Anschlusses an die Regierungskoalition, insbesondere also der Betei
ligung an Ministerien enthält, erhält sie doch durch die Natur der
Dinge etwas vom Charakter einer Regierungspartei. Das heißt, sie
wird — um an die oben gebrauchte Wendung anzuknüpfen — nun
mehr Partei der bedingten Bejahung.
Ganz offenbar nähern wir uns jetzt im Deutschen Reich einer
Gruppierung der Parteien, die dem parlamentarischen Regierungs
system entspricht. Der 1907 von Bülow zusammengebrachten liberal
konservativen folgte 1909 die konservativ-klerikale „Paarung“, und
der soeben abgelaufene Wahlkampf für den neuen Reichstag war ein