Full text : Die Geschichte der sozialistischen Gewerkschaften Österreichs bis zur Krise des Jahres 1873

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Musikinstrumentenmacher.  Etwas  früher,  am  27.  März  1870,  hatte  der  Fachverein ­
  der  Metall-  und  Zinngießer  seine  Tätigkeit  begonnen.  Auch  in  der
Provinz  machte  die  Gewerkschaftsbewegung  erhebliche  Fortschritte,  zu  Vereinsgründungen ­
  kam  es  indes  in  der  Regel  erst  etwas  später  als  in  Wien.

2.  Der  Hochverratsprozeft  und  seine  Folgen.
Am  4.  Juli  1870  begann  vor  dem  Wiener  Landesgericht  der  Hochverratsprozeß ­
  gegen  die  Mitglieder  der  Deputation  von:  13.  Dezember  1869  und
gegen  einige  Parteiführer  der  Arbeiter.  Schaffner,  Eichinger,  Gehrke,  Dorsch,
Hecker,  Schönfclder,  Baudisch,  Berka  und  Pfeiffer  waren  je  2  7  Wochen,
Oberwinder,  Scheu,  Pabst,  Most  und  Perrin  je  17  Wochen  in  Untersuchungshaft ­
  gewesen.  Da  man  Demonstrationen  der  Arbeiter  befürchtete,
waren  umfassende  militärische  Vorkehrungen  getroffen  worden.
Der  Prozeß  dauerte  zehn  Tage.  Die  Staatsanwaltschaft  bemühte  sich,
die  aus  einen  „gewaltsamen  Umsturz  des  Bestehenden"  hinzielenden  Bestrebungen
der  Sozialdemokratie  ans  Tageslicht  zu  bringen.  Die  Demonstration  vom
13.  Dezember  wurde  von  ihr  als  eine  Art  Generalprobe  für  den  Tag  der
großen  Revolution  hingestellt.  Die  früher  bestandene  Gewerkschaftssektion  des
Arbeiter-Bildungsvereines  wurde  als  der  Mittelpunkt  der  Agitation  betrachtet.
„Durch  die  Gewerkschaftssektion  und  durch  die  Gründung  zahlreicher  Fachvereine," ­
  sagte  der  Vertreter  der  Staatsanwaltschaft, 1  „welche  wieder  ebenso
viele  Filialen  des  Arbeiter-Bildungsvereines  sind,  weil  die  Gewerkschaftssektion
des  Arbeiter-Bildungsvereines  aus  Delegierten  dieser  Fachvereine  gebildet
ist,  wurde  eine  Einheit  in  die  Leitung  der  Bewegung  gebracht,  deren  Fäden
in  dem  Arbeiter-Bildungsverein,  in  der  Gewerkschaftssektion  und  in  den  Händen
der  dort  maßgebenden  Agitatoren  zusammenliefen."
Natürlich  konnte  in  dem  Prozeß  nichts  anderes  bewiesen  werden,  als
daß  die  Angeklagten  sich  zur  Sozialdemokratie  bekannten,  daß  sie  Reden  hielten,
sozialistische  Zeitungen  lasen,  mit  auswärtigen  Genossen  korrespondierten  rc.
Der  Staatsanwalt  sagte  aber:^  „Ich  habe  bereits  dargetan,  daß  die  in  Eisenach
gebildete  sozialdemokratische  Arbeiterpartei  auf  Grundlage  ihres  Programms
eine  Vereimgung  ist,  deren  Realisierung,  ja  die  bloße  Agitation  für
deren  Realisierung  und  Verbreitung  in  Oe  st  er  reich  geradezu ­
  das  Verbrechen  des  Hochverrates  begründet."
Das  Urteil  in  dem  Prozeß  war:  Oberwinder  erhielt  6  Jahre,
M  o  st,  Andreas  Scheu  und  P  a  b  st  je  6  Jahre  s  ch  w  e  r  e  n  Kerke  r
(das  Obergericht  setzte  diese  Strafe  auf  je  3  Jahre  herab);  die  Mitglieder  der
Deputation  wurden  wegen  des  Verbrechens  der  öffentlichen  Gewalttätigkeit
zu  Kerkerstrafen  von  2  bis  lOMonaten  verurteilt.  Sämtlichen  Verurteilten
wurde  die  Haft  durch  monatliche  Fa  st  tage  verschärft.
Diese  schweren  Verurteilungen  erregten  die  größte  Sensation.  Die  Aufregung ­
  steigerte  sich  aber  noch,  als  infolge  dieses  Prozesses  am  30.  Juli  1870
sämtliche  Wiener  Fachvereine,  mit  Ausnahme  des  Vereines  der  Buchdrucker,
und  der  Wiener  Arbeiter-Bildungsverein  behördlich  aufgelöst  wurden.  Das
betreffende  Dekret  lautete  lakonisch:
„Die  hohe  k.  k.  niederösterreichische  Statthalterei  hat  mit  Erlaß  vom  27.  d.  M.,
Z.  3233  xr.,  im  Grunde  der  88  24  und  25  des  Gesetzes  vom  15.  November  1867  über
das  Vereinsrecht  die  sofortige  Auflösung  des  in  Wien  und  die  sogleiche
Einstellung  der  Tätigkeit  dieses  Vereines  ausgesprochen.

*  Der  H  o  ch  v  e  rr  atsp  r  o  z  e  s;  gegen  Oberwinder,  Andreas  Scheu,  Most,  Pabst,  Hecker,  Perrin,
Lchönfelder,  Berka,  Schäftner,  Pfeiffer,  Dorsch,  Eichinger,  Gehrke  und  Baudisch.  Herausgegeben  von  Heinrich
Scheu.  Wien  1870.  Seite  303.
A.  a.  O.  Seite  334.
            
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