Full text : Die Geschichte der sozialistischen Gewerkschaften Österreichs bis zur Krise des Jahres 1873

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beitragen".  Außer  diesem  ältesten  Vereine  gab  es  in  Wien  nach  eine  Anzahl
Witwen-  und  Waisenunterstützungsvereine  von  Angehörigen  liberaler  Berufe,
von  selbständigen  Handwerkern  und  solche  von  Dienern.  Ueber  die  Lage
der  Arbeiter  und  deren  Bestrebungen,  auch  ihrerseits  Vereine  ins  Leben  zu
rufen,  hatte  inan  bis  jetzt  nur  spärliche  Kenntnis.  Erst  in  letzter  Zeit  gelang
es  Professor  Dr.  Karl  G  rttn  b  er  g,  auf  Grund  umfangreicher  Aktenstudien ­
  wenigstens  für  ein  Gewerbe  —  die  Kottonindustrie  —  zuve  rlässiges
  Material  ans  Tageslicht  zu  bringen. 1
Einleitend  wäre  vorauszuschicken,  daß  die  Lage  der  Arbeiter  eine  unglaublich ­
  gedrückte  war.  Die  Löhne  waren  niedrig,  die  Arbeitszeit  sehr  lang,
Frauen  und  Kinder  wurden  zu  den  schwersten  und  ungesundesten  Beschäftigungen ­
  verwendet.  Kam  dann  noch  die  Einführung  neuer  Maschinen  hinzu,
welche  die  Lebensbedingungen  der  Arbeiter  abermals  zu  erschweren  drohte,
so  brachen  Empörungen  der  Arbeiterbevölkerung  aus,  die  oft  einen  großen
Umfang  annahmen.  In  der  Kottondruckerei  war  es  die  Ersetzung  der  Handarbeit ­
  durch  die  Perrotine,  welche  im  Jahre  1844  zu  Streikunruhen  in  Böhmen,
wahrscheinlich  in  Prag,  aber  auch  in  den  anderen  Zentren  dieser  Industrie,
führte.  Die  Regierung  konnte  nur  mit  Aufbietung  aller  Kräfte  diese  Streikunruhen ­
  unterdrücken.  Diese  Vorgänge  zeitigten  auch  Versuche  zur  Einführung
obligatorischer  Fabriksordnungen  (Hausordnungen)  und  von  Arbeiterausschüssen, ­
  Regelung  des  Lehrlingswesens,  Abkürzung  der  Arbeitszeit  und  anderes
mehr.  Auch  in  dem  zweiten  größeren  Industriegebiet  Oesterreichs,  in  Niederösterreich, ­
  namentlich  in  Wien,  führten  ähnliche  Verhältnisse  wie  in  Böhmen
l  maschinelle  Fortschritte)  schon  vor  dem  Jahre  1848  zu  Streiks  und  Unruhen.
Die  Regierung  half  sich  der  Arbeitslosigkeit  gegenüber  mit  Notstandsarbeiten
und  —  Abschiebung  der  Nicht-Wiener,  beziehungsweise  Nicht-Niederösterreicher
in  ihre  Heimat,  hauptsächlich  Böhmen,  Mähren  und  Schlesien.
Diese  Streiks  waren  nur  spontane  Empörungsansbrüche  der  Arbeiterschaft. ­
  Es  gab  aber  auch  schon  frühzeitig  —  wie  wir  sehen  werden,  bereits
in  den  ersten  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  —  in  den  einzelnen  Fabriken
Institute,  die  eine  regelmäßigere  Hilfeleistung  für  die  Arbeiter  bezweckten.  Es
ivaren  dies  die  Fabrikskassen.
Eine  amtliche  Untersuchungskommission  berichtete  über  die  Gebarungsweise ­
  solcher  Kassen  in  der  Kottonindustrie  am  12.  März  184Ü  NN  das  böhmische
Lnndesgubernium.  Die  Resultate  der  Untersuchung  faßte  die  Kommission  in
folgendem  zusammen:
1.  In  den  meisten,  sowohl  inländischen  als  auch  ausländischen  Kottondruckfabriken ­
  haben  sich,  und  zwar  gewöhnlich  bald  nach  dem  Entstehen  der
Fabriken,  Vereine  der  Drucker,  denen  sich  hier  und  da  auch  die  F  o  r  mu
  n  d  M  o  d  e  l  l  st  e  ch  e  r  angeschlossen  haben,  in  der  Absicht  gebildet,  um
durch  regelmäßige  Geldbeiträge  einen  Fonds  zu  bilden  und  daraus  die  reisenden
(Drucker),  die  kranken  oder  '  erwerbsunfähigen  Vereinsmitglieder,  dann  ihre
Witwen  zu  unterstützen.
2.  Solche  Vereine  bestehen  nun  seit  vielen  Jahren  sowohl  auf  dem
flachen  Lande  als  auch  in  der  H  a  u  p  t  st  a  d  t;  wo  mehrere  Kottonsabriken
  an  einem  Orte  sind,  bilden,  wie  zum  Beispiel  in  Böhmisch-Leipa,
sämtliche  Drucker  einen  einzigen  Verein;  für  sämtliche
Kottondruckfabriken  in  und  beiPrag  bestehen  aber  sieben
solche  Vereine  und  die  Drucker  der  übrigen  Fabriken  sind  dem  einen
oder  anderen  einverleibt.
3.  Es  sind  zwar  bei  vielen  dieser  Vereine,  w  o  v  o  n  einige  über
40  Jahre  bestehen,  schriftliche  Verhaltungsregeln,  größtenteils  nur  im

1  Dieses  Material  ist  noch  nicht  in  Druck  erschienen,  doch  gestattete  mir  Herr  Professor  Grünberg  in
zuvorkommendster  Weise,  in  einige  der  wichtigsten  Partien  Einsicht  zu  nehmen.
            
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