Object: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

In Washington rüstete sich indessen. der Bundesvorstand des 
amerikanischen Gewerkschaftsbundes zur Abreise nach dem bevor- 
stehenden Gewerkschaftskongress in Atlantic-City. Wir wollten 
ihn aber noch vor seiner Abreise im eigenen Bundeshaus zu Wa- 
shington begrüssen. So reisten wir nach einem vorläufigen flüchtigen 
Überblick von New York und nach einem Besuch des etwa 20 Kilo- 
meter von New York entlegenen Grabes Samuel Gompers, des lang- 
jährigen Führers der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, 
nach Washington, den Bundesvorstand zu besuchen. Hier hatten 
sich zum Empfang der deutschen Gewerkschaftsabordnung im 
Bundesbureau versammelt: der Präsident des Bundes, William 
Green, der Sekretär Frank Morrison, ferner sämtliche Angestellte 
desBundesbureaus und eine grössere Anzahl Vertreter der einzelnen 
Gewerkschaften. Wie am Tage unserer Landung von den Vertretern 
der New Yorker Gewerkschaften, so wurden wir nun auch hier vom 
Bundesvorstand mit Herzlichkeit empfangen. Da war nichts Ge- 
künsteltes, alles war einfach und freundschaftlich. In einer herz- 
lichen Begrüssungsansprache hiess der Bundespräsident die deut- 
schenBesucher willkommen. Er sicherte uns die volle Unterstützung 
der amerikanischen Gewerkschaften zur Erleichterung unserer Auf- 
gaben zu. Er sprach den Wunsch aus, dass diese Aufgaben zum 
Wohle der deutschen Arbeiterbewegung restlose Erfüllung finden 
möchten. Kollege Schumann dankte ihm und übermittelte unsere 
Grüsse. Dann wurden Gewerkschafts- und Wirtschaftsfragen all- 
gemeiner Natur besprochen. Im Anschluss hieran erfolgte die Be- 
sichtigung des Bundesbureaus und seiner organisatorischen Ein- 
richtungen. 
Der kurze Aufenthalt in- Washington wurde benutzt zu einem 
Besuch des Botschafters der deutschen Republik, Freiherrn von 
Maltzahn. In Begleitung Greens und Morrisons fand ferner ein 
Besuch beim Arbeitsminister der Vereinigten Staaten, Mr. Davis, 
in den Räumen des Ministeriums statt. In der Unterredung mit dem 
Arbeitsminister gewahrten wir zum erstenmal, was wir später noch 
oftmals beobachten konnten, dass die in Amerika hochgestellten 
Persönlichkeiten mit Vorliebe und Stolz von ihrem Herkommen aus 
dem Arbeiterstande sprechen. Er ist ein Sprössling der Arbeiter- 
klasse, Klempner von Beruf, und hielt es für erforderlich, uns das 
mit besonderer Betonung vorzutragen. Wir begegneten später 
noch des öfteren solchen Hinweisen bei hohen Beamten in den 
einzelstaatlichen Behörden, bei Unternehmern, die als Habenichtse 
ins Land gekommen, vom Glück aber begünstigt wurden, bei 
Akademikern, die noch in ihren Jugendjahren selbst als Arbeiter 
geschanzt hatten, und bei all den vielen Geschäftsleuten kleineren 
Grades, die, aus sozialen Tiefen gekommen, es nun zu einigem 
Wohlstand gebracht hatten. Verklungen ist längst auch in Amerika 
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