Godwin.
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der Tugend zugleich die wahre Basis des eigenen individuellen
Glücks sei (S. 363, 468).
Man sieht, Godwin leugnet zwar angeborene Prineipien
und Ideen, aber nicht angeborene Fähigkeit zur Aufnahme
von Ideen. Angeborene Gefühle und Neigungen braucht
Godwin nicht anzuerkennen, da Tugend und Gemeinsinn im
Grunde ja doch nur vernünftige „Berechnung der Zukunft“
(S. 468), d. h. der Folgen einer Handlung sind. Durch die
Behauptung, dass der Mensch fähig sei, unegoistisch und un-
interessirt zu handeln, erhebt sich Godwin über die engher-
zige Nationalökonomie seiner Zeit; dieselbe ist freilich mit
seinem Individualismus und seiner im Grunde materialistischen
Nützlichkeitslehre schwer zu vereinigen, aber dies gelingt
Godwin dadurch, dass er — seiner Natur entsprechend —
das Glück des Lebens hauptsächlich in persönlicher Bedürf-
nisslosigkeit und in kühler Beschauung der Dinge erblickt.
„Vernunft und Ruhe“ (S. 887) sind ihm die beiden idealen
Pflichten des Menschen.
Doch davon später. Um zunächst noch bei Godwins
Theorie über die Natur des Menschen zu bleiben, so ist es
eine consequente Folge seiner Auffassung des menschlichen
Geistes als einer durch Eindrücke in Thätigkeit versetzten
Vorrichtung, dass er den Begriff der Willensfreiheit leugnete.
Dies Problem berührte Bentham nicht, Owen beantwortete es
Ohne Untersuchung und Beweis, Godwin untersucht es weit
eingehender als Priestley und ich möchte sagen, dass gerade
in dieser Frage Godwins abstrakte Denkweise die innerlich
Consequentesten und klarsten Resultate erzeugt — wenn ich
Sie auch wegen des verschiedenen Ausgangspunkts nicht ac-
Ceptiren kann.
Man muss unbedingt sagen, dass Godwin das Problem
besser, weit philosophischer erfasst hat, als manche Neuere, die
von der Regelmässigkeit statistischer Zahlen einfach geblendet
waren !), und es ist von Interesse, dass die Frage überhaupt
_ *) Gegen die Verirrungen der Quetelet’schen Statistik wendet sich
meine Besprechung der „Physique sociale“ des genannten Verfassers, in