192 VII. Die Religion und die Soc-Demokratie.
für das Leben des Einzelnen, wie der ganzen Gesellschaft
zu bedeuten hat, das läßt sich ani klarsten an den Folgen
der Irreligiosität der unteren Stände erkennen.
Hinter dem religiösen Bankerott in den oberen Gesell
schaftsschichten steht die moderne atheistisch gerichtete Wissen
schaft, welche die unteren Klaffen nicht unmittelbar und direkt
erreicht und berührt, sondern hier erst dann Einfluß gewinnt,
nachdem ihre Resultate in Lehre und Leben der oberen Stände
popularisirt und für die nicberen präparirt worden sind.
Die dem Proletariat meist nicht angehörenden Führer der
Social-Demokratie entlehnen ihre Waffen zur Bekämpfung
der Religion unmittelbar dem Arsenal der atheistischen Wissen
schaft. In einer Polemik mit einem katholischen Kaplan
schreibt deffcn Gegner (Volksstaat 1874, 24):
„Sie werden auch begreifen, daß ich nicht nur ein
„Gegner des Katholicismus, sondern der Religion überhaupt
„bin; weil, nach meiner wissenschaftlichen Ueberzeugung, die
„Religion nur da Geltung haben kann, wo Unwissenheit
„über die menschliche Entwickelung, wie Unbekanntschaft mit
„den Forschungen der Geschichte und Raturwiffenschast, mangelt,
„welch letztere wiederum die ganze Schöpfungs- nndMenschen-
„ entwickelungsgeschichtc, wie sie die Bibel lehrt, einfach auf
„den Kopf stellt. Auch vom wissenschaftlichen Standpunkte
„die Unhaltbarkeit der Religion darzuthun würde mich zu
„weit führen. Lesen Sie Schriften wie die von Häckel,
„Loriis Büchner, Radenhansen („Die Isis, der Mensch und
„die Welt"), Kolb's Kulturgeschichte, und bringen diese bei
„Ihnen ebenfalls nicht fertig, was das angebliche Studium
„aller philosophischen Systeme von Pythagoras bis Feuer-
„bach und Schopenhauer nicht fertig gebracht hat, dann
„zweifele ich an Ihrer Denkfähigkeit, und ich wäre wohl