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II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik.
muß. Der Umstand, daß die neueren Tarifgemeinschaften meist auf
kurze Perioden geschlossen sind und werden, scheint dafür zu sprechen,
daß die erwähnte Schwierigkeit in den beteiligten Kreisen erkannt
ist, und daß man es deshalb beiderseits vermeidet, sich auf längere
Zeit die Hände zu binden in bezug auf Löhne, Arbeitszeit, Lehrlings
wesen usw. Andererseits spricht die zunehmende Verwendung dieser
Organisationsform dafür, daß beide Parteien sich vielfach — wenig
stens für gewisse Zeiten — der Gemeinsamkeit wichtiger Interessen
bewußt sind. Allerdings ist dabei nicht zu übersehen, daß das Be
streben, übermäßigen Wettbewerb äbzuwehren, bei der Bildung der
Tarifgemeinschaften eine erhebliche Rolle spielt. Daraus erklärt es
sich auch, daß die Tarifgemeinschaften bei den außerhalb gebliebenen
Berufsgenossen eine scharfe Gegnerschaft finden. Ob das Bedürfnis
nach Organisation, das heute auf allen Gebieten zu Tage tritt, durch
die Form der Tarifgemeinschaften auf die Dauer am besten befriedigt
werden wird, muß die Zukunft lehren. (Vergl. dazu S. 153 ff.)
Einstweilen ist jedenfalls der Weg der getrennten Organisation
noch am häufigsten beschritten, und die besonderen Organisationen
der Arbeiter stehen noch im Vordergründe des Interesses. Es ist
nicht leicht, aus der Fülle sehr abweichender Erfahrungen zu einem
objektiven allgemeinen Urteil zu gelangen. Eins ist von vornherein
klar. Für die Durchführung der großen sozialpolitischen Aufgaben,
wie sie einer umfassenden Arbeiterversicherung gestellt sind, reichen
die Berufsvereine nicht aus, weil sie immer nur einen kleinen Teil
der Arbeiterschaft erfassen können. Es liegt in der Natur der Sache,
daß sich an eine Organisation, die Opfer an Geld und persönlicher Be
wegungsfreiheit fordert und fordern muß, nur die besser gelohnten
und intelligenteren Arbeiter dauernd anschließen können. Die anderen
sind, wie die Geschichte der englischen Trade Unions zejgt, nicht nur
weniger geeignete, sondern den besseren und intelligenteren Arbeitern
oft genug unerwünschte Elemente. Ein gewisser aristokratischer Zug
liegt bei den älteren englischen Trade Unions unzweifelhaft vor; ihre
Aufnahmebedingungen verraten das deutlich genug, übrigens ein Beweis
für die großen Interessenunterschiede auch innerhalb der Arbeiterschaft.
Die unvermeidliche Tatsache, daß die Arbeiterberufsvereine nicht
die Gesamtheit der Arbeiterschaft umspannen können, zieht auch ihrer
eigentlichen Aufgabe, der Beeinflussung der Arbeitsbedingungen,
Schranken. Zwar kann das, was sie in dieser Beziehung erreichen,
vorbildlich wirken und so auch Nichtmitgliedern zugute kommen.
Aber diese mittelbare Wirkung hält sich doch in engen Grenzen und
ist den oft sehr exklusiv denkenden Vereinen keineswegs immer er
wünscht. Daß Arbeiterberufsvereine für ihre Mitglieder und aucli
noch etwas über deren Kreis hinaus vielfach gut gewirkt haben und